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Redaktion: 

Neue Ausstellung im Westfälischen Kunstverein:
Das Kollektiv Slavs and Tatars beweist seit seinen Anfängen 2006 ein feines Gespür für virulente gesellschaftliche Themen, denen es in einer ganz eigenen Form des Eklektizismus neue Wege eines zeitgenössischen Diskurses bahnt. Ihre Ausstellungen, Publikationen und Lecture Performances speisen sich aus Popkultur-Stilmitteln, spirituellen und esoterischen Traditionen, mündlichen Überlieferungen, modernen Mythen aber auch streng wissenschaftlicher Analyse.

Der Fokus liegt dabei auf dem Gebiet Eurasiens und auf den Beziehungen zwischen Wissenschaft, Religion, Macht, Sprache und Identitäten. Für ihre erste Einzelausstellung in Deutschland setzen sich Slavs and Tatars mit dem Königsberger Schriftsteller und Philosophen Johann Georg Hamann auseinander, der 1788 in Münster verstarb. Er gilt als Aufklärungskritiker dahingehend, dass er behauptete, es gäbe keine Vernunft vor Denken und Sprache. Hamann postulierte eine Rückbesinnung auf den Glauben und stellt darin eine für das Künstlerduo interessante Persönlichkeit dar. Slavs and Tatars widmen sich der Wissenschaftsgeschichte, indem sie etablierte westliche Curricula erneut erweitern möchten um Konzepte von Spiritualität und Glaubensfragen – Bereiche, die seit der Aufklärung aus unserem Wissenskanon verbannt wurden. Eingeladen nach Münster, dem Ort, an dem Hamann begraben liegt, war eine künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Gelehrten naheliegend.

Der Westfälische Kunstverein ist eingetaucht in roséfarbenes Licht. Den Ausstellungsraum dominiert eine raumgreifende Installation aus Holz. Sie ist ein Hybrid aus Bühne und Bar - Treppen auf der einen und Barhocker auf der anderen Seite machen sie nutzbar von Besuchern sowie den Künstlern. Daneben steht eine Zapfstelle, an der Sauerkrautsaft (pickle juice) ausgeschenkt wird. Wie so vieles beruht auch diese Arbeit von Slavs and Tatars auf einem Wortspiel. Sprache, Übersetzungen und der Einfluss auf das Denken sind wiederkehrende Themen. So ist „to go sour on power“ (sauer werden) eine Wendung, die die Künstler nicht nur zum pickle juice sondern auch zu den wandfüllend plakatierten Postern inspiriert hat, auf denen weibliche Brüste in Form von Essiggurken zu sehen und auf denen von curd milk (saurer Milch) zu lesen ist. Kurze, knappe Wendungen in der Sprache, die doch so viel Potential enthalten, dass sie viele und vielfältige Assoziationen auslösen. Dies ist der große Reiz und die Besonderheit der künstlerischen Praxis von Slavs and Tatars, und eben auch der Ausgangspunkt für die daraus entstehenden Objekte und Installationen.

Des Weiteren präsentiert das Künstlerduo zwei verschiedene Lecture Performances: vor Ausstellungsbeginn außerhalb des Kunstvereins (im Auditorium des benachbarten Landesmuseums) und später eine weitere im Kunstverein. Doch auch während der Laufzeit der Ausstellung wird der Raum akustisch aktiviert. Aus vier Lautsprechern hören wir einen gerappten Text, den Slavs and Tatars aus Zitaten Hamanns zusammengestellt und von einem Rapper einspielen haben lassen. Stilbruch und Vermischung auch hier: auf einem Bildnis von Johann Georg Hamann ist der Philosph mit einem geknoteten Kopftuch dargestellt – Slavs and Tatars verknüpfen ihn mit dem Rapper unserer Gegenwart. Auch dieser trägt nicht selten etwas ganz ähnliches, ein sogenanntes do-rag. Beide verwenden verkürzte Rhapsodien und dichte Sinnbilder.

Westfälischer Kunstverein
Rothenburg 30
westfaelischer-kunstverein.de

Im Rahmen der Ausstellung ist eine sehens- und lesenswerte Publikation entstanden:
„Kirchgängerbanger“, Hg. vom Westfälischen Kunstverein. DE/EN. 

Mit einem Essay von Slavs and Tatars und Texten von Johann Georg Hamann

Kirchgängerbanger - Publikation zur Ausstellung

*

Johann Georg Hamann im Projekt Gutenberg

„Nicht Leyer! – noch Pinsel! – eine Wurfschaufel für meine Muse, die Tenne heiliger Litteratur zu fegen! – – Heil dem Erzengel über die Reliquien der Sprache Kanaans! – auf schönen Eselinnen siegt er im Wettlauf; – aber der weise Idiot Griechenlands borgt Euthyphrons stolze Hengste zum philologischen Wortwechsel.

Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts; wie der Gartenbau, älter als der Acker: Malerey, – als Schrift: Gesang, – als Deklamation: Gleichnisse, – als Schlüsse: Tausch, – als Handel. Ein tieferer Schlaf war die Ruhe unserer Urahnen; und ihre Bewegung, ein taumelnder Tanz. Sieben Tage im Stillschweigen des Nachsinns oder Erstaunens saßen sie; – – und thaten ihren Mund auf – zu geflügelten Sprüchen.

Sinne und Leidenschaften reden und verstehen nichts als Bilder. In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkenntniß und Glückseeligkeit. Der erste Ausbruch der Schöpfung, und der erste Eindruck ihres Geschichtschreibers; – – die erste Erscheinung und der erste Genuß der Natur vereinigen sich in dem Worte: Es werde Licht! hiemit fängt sich die Empfindung von der Gegenwart der Dinge an.“
Hamanns Einleitung AESTHETICA.IN.NUCE - Eine Rhapsodie in Kabbalistischer Prose. 1760.

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