Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Fix Zone

Charlotte Warsen & Pit Noack

Redaktion: 

22 Mar 2018 - 19:30 geöffnet ab 19:30 Uhr, Beginn 20:00 Uhr |  Eintritt: 5 € (Abendkasse)
Lyrik im ausland

Vers + Welt #1 | Salon für Gedichte und Sachfragen

Lesung und Gespräch
Charlotte Warsen | Synästhesie

Vortrag und gemeinsame Diskussion
Pit Noack: Das Phänomen Synästhesie

+++ Premiere! Das neue Format Vers + Welt präsentiert Lesungen zeitgenössischer Lyrik zusammen mit Vorträgen über nichtliterarische Themen, die in Bezug zu den Gedichten stehen. Der Salon ist ein Forum für das Teilen von Wissen, und im Austausch zwischen den Auftretenden und in der offenen Diskussion mit dem Publikum gibt es Gelegenheit nachzufragen, gemeinsam weiterzudenken und zu spekulieren...

Charlotte Warsen liest eine Auswahl von Gedichten aus ihrem Buch "Vom Speerwurf zu Pferde" und bisher noch unveröffentlichten Texten.

© C. Warsen - o.T., 70x100, Mischtechnik, Papier, 2011

Es sind oft lautlich-assoziative und gedanklich-dissoziative Suchbewegungen, Verkettungen und Schnitte in der Mikrostruktur, aus denen sich in Warsens Lyrik knappe Versgedichte und Prosaformen entfalten oder die sich zu frei auf dem Blatt angeordneten Arrangements verbinden. Vielfältige Gegenstände und Motive werden dabei eher im Vorübergehen gestreift als fokussiert: Protagonistin ist die Bewegung im Raum zwischen ihnen.   
Aber das lyrikimmanente Experiment, Sprachkritik oder eine Feier der Sprache sind dabei allenfalls Teilaspekte der Gedichte. Vielleicht liegt ihrer – bei aller anscheinenden Kontingenz und Heterogenität des Materials – verblüffenden inneren Festigkeit und Stringenz ein „reißerischeres Geheimnis“ unserer Lebenswirklichkeit zugrunde, und sie handeln vom „mund, der mir heraushängt“, wie es einmal heißt, und der „traurigkeit die sich zwischen den / mündern räkelt“: Von der Unabschließbarkeit und dem Eigenleben der inneren und gesprochenen Rede, der Sprache und unseres Denkens, deren „Erregung unerträglich ewig dauerte und / immer nochmal eine / Runde länger“ – „ich habe / seit Jahren kein Wort mehr verstanden“.

Charlotte Warsen hat eine Eigengesetzlichkeit und Kompositionsweise für ihre Lyrik entwickelt, die diese Erregung in einem Portrait festhält und, wenigstens für den Moment des Gedichts, kontrolliert zur Ruhe kommen, sich abreagieren lässt.

Nicht zuletzt selbst Malerin und Synästhetikerin (Schrift verknüpft sich für sie mit Farbwahrnehmung), sind wiederkehrende Komplizen Warsens dabei die Farben, der Farbauftrag, dessen Textur und Haptik. Ihre vielgestaltige sprachliche Repräsentation bildet vielerorts in den Gedichten Sandbänke im Fluss der Rede, auf denen sich sinnlicher Eindruck und sinnhafter Ausdruck scherzend einen Strandkorb teilen: „wir blasen junge blumen auf und wundern uns / an ihrer wut: die platzenden! / farben“.

Nach einer Pause führt Pit Noack in seinem Vortrag in das Phännomen der Synästhesie ein und eröffnet für das anschließende gemeinsame Gespräch weiterführende Perspektiven.  "Meine Katze miaut ein Hellblau", "Der Geschmack ist von federnder Konsistenz wie ein Pilz, beinahe rund", "Der Buchstabe E ist ein liebenswürdiger Mann, aber er redet auch, wenn er nicht weiß, wovon er redet" – solche Zuschreibungen lassen aufhorchen, wirken auf amüsante Weise unpassend.

Sie verweisen auf das Phänomen der Synästhesie, also Kopplungen von verschiedenen Bereichen der Wahrnehmung. Was ist daran eigentlich so bemerkenswert? Erleben nicht auch nichtsynästhetisch wahrnehmende Menschen Klänge, Farben, Formen, Gerüche immer in einem sinnlichen, einem sinnhaften Zusammenhang? Ist nicht die ausschließliche Wahrnehmung etwa einer Farbe eine lebensferne Abstraktion, die bestenfalls unter Laborbedingungen stattfinden kann? Der Vortrag liefert Beschreibungen unterschiedlicher Ausformungen der Synästhesie und zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu uns allen geläufigen “intermodalen Assoziationen” auf.

Das Besondere verweist auf das Allgemeine, denn das Phänomen Synästhesie gibt Anlass zu philosophischen Überlegungen über Wahrnehmung und Bewußtsein, über Sprachspiele und über die Grenzen der Objektivierbarkeit.

Mit freundlicher Unterstützung der Berliner Sentsverwaltung für Kultur und Europa und durch die Medienpartner von "Vers + Welt": taz - die tagszeitung & Fixpoetry.

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