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Der poetische Act

Redaktion: 

Interessante Neuerscheinung bei Koenigshausen & Neumann: Alexandra Millner, Marc-Oliver Schuster (Hrsg.): Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes. Weiteres zu H.C. Artmann.

Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes (1953)
Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, dass man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.
Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen. Die alogische Geste selbst kann, derart ausgeführt, zu einem Act ausgezeichneter Schönheit, ja zum Gedicht erhoben werden. Schönheit allerdings ist ein Begriff, der sich hier in einem sehr geweiteten Spielraum bewegen darf.

1 ) Der poetische Act ist jene Dichtung, die jede Wiedergabe aus zweiter Hand ablehnt, das heißt, jede Vermittlung durch Sprache, Musik oder Schrift.

2 ) Der poetische Act ist Dichtung um der reinen Dichtung willen. Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung, Lob oder Kritik.

3 ) Ein poetischer Act wird vielleicht nur durch Zufall der Öffentlichkeit überliefert werden. Das jedoch ist in hundert Fällen ein einziges Mal. Er darf aus Rücksicht auf seine Schönheit und Lauterkeit erst gar nicht in der Absicht geschehen, publik zu werden, denn er ist ein Act des Herzens und der heidnischen Bescheidenheit.

4 ) Der poetische Act wird starkbewußt extemporiert und ist alles andere als eine bloße poetische Situation, die keineswegs des Dichters bedürfte. In eine solche könnte jeder Trottel geraten, ohne es jemals gewahr zu werden.

5 ) Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut.

6 ) Zu den verehrenswürdigsten Meistern des poetischen Actes zählen wir in erster Linie den satanistisch-elegischen C. D. Nero und vor allem unseren Herrn, den philosophisch-menschlichen Don Quijote.

7 ) Der poetische Act ist materiell vollkommen wertlos und birgt deshalb von vornherein nie den Bazillus der Prostitution. Seine lautere Vollbringung ist schlechthin edel.

8 ) Der vollzogene poetische Act, in unserer Erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen Reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können.

hc artman  :::  die wiener gruppe

 

Kurzinhalt: A. Millner / M.-O. Schuster: Einleitung – A. Millner: Kontextualisierende Präambel zur Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes – Freunde / Finten – H. C. Buch: Zwei Annäherungen an HCA – P. K. Wehrli: „Bitte bitte, sagt mir doch, wer ich bin!“ – Filmen mit H. C. Artmann – J. Jung: Augustinergasse 8 – Schwarzgrabenweg 3 – Schönborngasse 19 – P. Pabisch: „da kaos in taos is aa wos!“ – H. C. Artmann im Rückblick über Anekdoten zu seiner Literatur – Interferenzen / Interaktionen – D. Strigl: „Wir, die siegen wollten“ – H. C. Artmann und René Altmann – W. Straub: „schamlose kastration“ – H. C. Artmann und Hans Weigel: Randnotizen zum Literaturbetrieb der 1950er Jahre – P. Pechmann: H. C. Artmann und die „Grazer Gruppe“ – Populärkultur / Jugendliteratur – V. Vermeer: Tom Shark, Li’l Abner und Supermann: H. C. Artmanns früher Umgang mit der Populärkultur – T. Antonic: Artmann oder Brinkmann? Auf der Suche nach der prototypischen Pop-Literatur – D. Pifeas: H. C. Artmann und seine Kinderliteratur: Neue schöne Kinderreime? – Romantik / Surrealismus – C. Dirmhirn: Romantiker im Eichendorff’schen Sinne? H. C. Artmann und die deutsche Romantik – S. Kiefer: Poetische Entleerung, romantische Fehlschlüsse: H. C. Artmann und die Geburt der österreichischen Avantgarde aus dem Geiste der nachgespielten Romantik – Poesie / Poetik – S. Kaar: Hauptsache Nebentext: Zur Funktion der Paratexte in H. C. Artmanns Theaterstücken – M.-O. Schuster: H. C. Artmanns Hawelka als „bloße poetische Situation": Kaffeehaus, Autonomie, Austriazität, Postmoderne – P. Waterhouse: DAS FLÜCHTIGSTE : OHNE UFER Zu einer der flaschenposten von H. C. Artmann – J. Lajarrige: Von Aranjuez bis Zielort: Zur alphabetischen Erschreibung der Welt. H. C. Artmanns gedichte von der wollust des dichtens in worte gefaßt – Nordsüd / Kopf(w)orte – R. von Paschen: H. C. Artmann in English Translation – M. Leonhardmair: Artmanns Buscón-Übersetzung revisited – S. Gutlederer: Schweden und der Norden als Motive in H. C. Artmanns Werken.

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