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Âyurveda und Poesie

Redaktion: 

Âyurveda in Versform: die erste Seite des Vaidyajīvana in einer altindischen Handschrift. Foto: Jürgen Hanneder.

Die Pressestelle der Philipps Universität Marburg meldet:

"Lyrik mit Nebenwirkungen: Ob Arzneimittel besser helfen, wenn die Rezepte in ein Liebesgedicht eingebettet sind, lässt sich jetzt anhand eines altindischen Poems nachprüfen. Das Werk „Vaidyajīvana“ des Âyurveda-Arztes Lolimbarāja liegt erstmals in deutscher Übersetzung vor, herausgegeben und übersetzt von dem Marburger Indologen Professor Dr. Jürgen Hanneder und dem Mediziner und Indologen Dr. Thomas Schäfer: Âyurveda und Poesie. Lolimbarājas Lehrgedicht „Leben des Arztes“, Amöneburg (Indica Et Tibetica Verlag) 2018, ISBN 978-3-923776-57-3, 113 Seiten, 18 Euro.

Âyurveda – das altindische „Wissen vom langen Leben“ – speist heute eine weltumspannende Industrie, die Tees, Kosmetika und viele weitere Wellnessprodukte feilbietet. Das vorliegende Werk erlaubt einen ungewöhnlichen Zugang zu den Quellen der  altindischen Medizin: „Der Sache nach handelt es sich um eine Sammlung von Arzneimittelzubereitungen“, erläutern die Herausgeber im Vorwort, „der Autor will sein Werk aber zugleich als Poesie aufgefasst haben.“

Welche durchbohren die Seite der Stirnhöcker von Elephanten?
Welches kurze Wort sagt die neuvermählte Frau im Liebesspiel?
Was ist der Vokativ von nr? Was also beseitigt die Blutung?
Du, mit den schönen Schenkeln! Sag’ Du es mir!

Lösung: sim.h ̄a-na-nah »Löwenmaul« (Gendarussa vulgaris).

Dass die Rezepte als Lehrgedicht abgefasst sind, ist an sich für Indien nichts Ungewöhnliches, betonen Hanneder und Schäfer – die Verbindung von Wissenschaft und Dichtung diene in der indischen Tradition dem Zweck, die Strenge des Stoffs zu mildern. Doch das Buch „Vaidyajīvana“ weist vielfältige Merkmale auf, die es als vollgültiges Gedicht auszeichnen, etwa „eine einzigartige poetische Selbstinszenierung des Autors als Arzt und Dichter“, wie die Herausgeber in der Einleitung ausführen. Vor allem aber richtet der Verfasser seine poetische Rede nicht an einen Schüler oder Gegner, sondern an eine Frau, seine Gattin Ratnakalā oder Murāsā, die er als hochgebildete Muslimin darstellt.

Das Lehrbuch beschreibt die Tätigkeit der indischen Ärzte des Mittelalters, indem es Rezepte auflistet, die nach Krankheiten geordnet sind. Vom Schluckauf über Durchfall und Fieber bis zu Wahnvorstellungen und übersteigerter Virilität – gegen alles weiß der Autor ein Mittel. Dem Liebeskranken aber – dem „von einem Seitenblick der Geliebten Verbrannten“ – empfiehlt er den Verzicht auf Medikamente: „Die enge Umarmung ist die Diät und der Extrakt ist das Küssen der Lippen.“

Hanneder und Schäfer verstehen es, mit ihrer Übersetzung aus dem Sanskrit sowohl philologischen Ansprüchen als auch den Bedürfnissen fachfremder Leser gerecht zu werden, die sich an den Versen erfreuen möchten. Die Anwendung der beschriebenen Medikamente in der medizinischen Praxis liegt hingegen nicht in der Absicht der Herausgeber, im Gegenteil: Wie sie eigens betonen, genügen die Rezepte „in keiner Weise dem Anspruch und Standard moderner Medizin hinsichtlich der Dosierung, Zuverlässigkeit und vor allem Patientensicherheit“. Der Sprachzauber des Werks bietet sich indes durchaus zur Nachahmung an."

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