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Zigeunerbilder deutscher Dichter

Redaktion: 

 

Ein Zigeuner ist eine Konstruktion, die von Dichtern und Gelehrten geschaffen, übernommen, verändert und erweitert wurde und die zu dem kulturellen Erbe gehört, auf das die Deutschen so stolz sind. Ein Zigeuner ist eine Fiktion, die  im  Unterschied  zu  anderen  Fiktionen  wie  Kobolde,  Feen oder Hexen, die kein Pendant in der Wirklichkeit haben, auf lebende Menschen, auf die Angehörigen der Sinti und der Roma sowie auf Fahrende wie die Jenischen projiziert wird. Der Ausdruck »Zigeuner« ist ein Schimpfwort. Synonyme  sind  »Abschaum«  und  »Vagabund«  (Duden, 1986) sowie »Tagedieb«, »Gauner« und »Drecksack« (Pfälzisches Wörterbuch, 1997).

Während  andere  Bezeichnungen  wie  Neger,  Krüppel oder Greis, die die Betroffenen als Diskriminierung empfunden  und  erfahren  haben,  durch  andere  Worte  ersetzt  wurden,  klammern  sich  Zigeunerfeinde  wie  Zigeunerfreunde  an  dieses  Wort.  »Warum  darf  ich  nicht  Zigeuner sagen?«  ist  keine  Frage  an  die  so  Bezeichneten,  sondern  ein Beharren auf die mit diesem Namen verbundenen Klischees.
Wilhelm Solms

Der „Zigeuner“ ist eine Fiktion, die im Unterschied zu anderen Fiktionen, die kein Pendant in der Wirklichkeit haben, auf lebende Menschen, die Angehörigen der Sinti und Roma sowie auf Fahrendes Volk wie die Jenischen, projiziert wird. Er ist aber zugleich eine Konstruktion, die von Dichtern und Gelehrten geschaffen, verändert und erweitert wurde. Zigeuner stehen im Verdacht, „schwarze Kunst“ zu betreiben und mit dem Teufel im Bunde zu stehen; sie werden als schmutzig und abstoßend, als Faulenzer, Betrüger und Diebe denunziert. So tragen die Eigenschaften, mit denen deutsche Dichter ihre Zigeunerfiguren ausgestattet haben, dazu bei, dass Sinti und Roma noch immer aus der Gesellschaft ausgrenzt werden. Dieses Buch untersucht Zigeunerbilder in der deutschen Literatur und Wissenschaft, indem es anhand von 36 den „Literaturzigeunern“ zugeschriebenen Merkmalen die Verzerrungen, Denunziationen und Romantisierungen darstellt, die die deutsche Literaturgeschichte durchziehen. Der Autor bezieht dabei ausdrücklich Position gegen die auch von Vertretern von Sinti und Roma entschieden abgelehnte „Tsiganologie“ oder „Zigeunerwissenschaft“ mit ihrem essentialistisch-sozialromantischen Versuch, ein „Wesen“ des Zigeunertums wissenschaftlich zu definieren.

Wilhelm Solms: "Zwei Zigeuner, schwarz und gräulich". Zigeunerbilder deutscher Dichter. Klostermann 2018.

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