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Neue »Krachkultur« widmet sich dem deutschen Alltag

Redaktion: 

Die neue Ausgabe der KRACHKULTUR, »Deutschlands frechster Literaturzeitschrift« (CICERO), widmet sich einem ideologisch kontaminierten Thema – »Deutschland«. Die Herausgeber besäßen wenig Mut, würden sie in diesen krisenhaften Zeiten das »Gespräch über Bäume« suchen, und wagen einen Blick auf den deutschen Alltag …

 

Mit Bertolt Brecht, von dem die berühmte Formulierung mit den Bäumen stammt, lässt sich trefflich überleiten ins heimatschriftstellerische Herz der neuen Ausgabe: Über den Kollegen Oskar Maria Graf (1894–1967) hat er nämlich mal geäußert: »Ein verjagter Dichter, einer der besten.« – Die KRACHKULTUR macht erstmals zwei Briefe dieses »Besten« editorisch zugänglich – kommentiert und essayistisch begleitet vom bekannten OMG-Experten Ulrich Dittmann (*1937) –, die Oskar Maria Graf in den späten 50ern/Anfang der 60er aus New York in die alte Heimat geschickt hat. Die ungebändigte Kraft dieses Urviechs der bayerischen Literatur, der vor den Nazis in die USA floh und seine Wut auf nationalistische und militaristische Bestrebungen niemals verlor, spürt man aus jeder Zeile dieser sehr persönlichen Briefe an eine Bekannte.

Vertreten im Deutschland-Heft ist neben der aktuellen Literatur, um die es gleich gehen wird, noch ein zweiter Verkannter der Literaturgeschichte: Paul Scheerbart (1863–1915). Lange Zeit als Humorist und Phantast abgetan, wird er allmählich gewürdigt: etwa dafür, dass er Entwicklungen in der modernen Kunst vorwegnahm, vor dem Militarismus warnte sowie eine holistische Ökotopie entwarf. – Sein wiedergefundener Aufsatz über das »Kreuz als Symbol« beweist vor allem eines: dass es »a Kraiz is« mit dem Symbol, wie Detlef Thiel (*1957), einer der führenden Scheerbart-Experten des Landes, in einem sehr unterhaltsamen Beiwort erklärt. Thiel bedankt sich in einem ironischen Dankesruf bei Markus Söder dafür, dass er »sich aus dem Fundus der Humanität eines der ältesten und mächtigsten Universalsymbole für ein paar Monate entleihen [will], um es in allen Dienstgebäuden [des] weißblauen Freistaates zu präsentieren«.

Im quasi exzentrischen Zentrum der Nummer (nämlich am Heft-Ende) steht allerdings ein Beitrag des Schriftstellers, Marathonläufers und Weltreisenden Matthias Politycki (*1955). In seinem großen Aufsatz »Bleibt ja unter uns«, der Aspekte eines im Sommer 2018 in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gehaltenen Vortrags vertieft, beschreibt er die Eindrücke eines alten Linken und bekennenden Grünen, dem seine Heimat bei jeder Rückkehr fremder erscheint. Vor allem die Verrohung und Entintellektualisierung der Diskussionskultur, wie sie auch durch die neuen Linken befeuert wird, ist ihm ein Dorn im bürgerwachen Auge. Jegliche Denkverbote und sprachpolizeilichen Maßnahmen untergrüben die Demokratie und die Freiheit der Kunst.
Flankiert wird dieser wohl politischste Essay, der jemals in der KRACHKULTUR stand, durch einen Beitrag von Polityckis nicht minder reisefreudiger Kollegin Tina Uebel. In einer sinnigen Reihe von literarischen Free-Style-Prosa-Minis gibt die Hamburger Autorin und Veranstalterin ihre Erfahrungen mit »Deutschland« wieder, die sie allerdings außerhalb Deutschlands gesammelt hat. Ein wildes, ebenso nachdenkliches wie herzzerreißendes Konvolut menschlicher, allzu menschlicher Stimmen und Stimmungen aus aller Welt.

Einen besonderen Hinweis verdient der Beitrag von Thorsten Nagelschmidt (*1976), bis 2009 Sänger der Band Muff Porter und bekennender ehemaliger Aktivist in einer Antifagruppierung, der bei seiner letzten Lesereise durch Deutschland (»Der Abfall der Herzen«) lyrische und weniger lyrische Fundstücke gesammelt hat. Sein Sprachspeicher der popkulturellen Gegenwart zeigt: Zwischen Söder und Seniorenandacht passt immer noch ein Gedicht!

Oder zwei: nämlich von Buchpreis-Gewinner Lutz Seiler (* 1963), dessen lyrische Prosa (»Zungenabgabe«) und reine Lyrik (»technisches museum in berlin«) die KRACHKULTUR schmücken (vergleichbar vielleicht mit den Texten von Thomas Kling in der legendären Ausgabe 9/2001). Die Gedichte des freundlichen Thüringers kommen grundgütig hermetisch daher und enthalten die dringliche Aussage, dass allein das lyrische Ich als »ein kleines Land« bestehen kann.

Von Peter Henning (*1959) stammt ein Stück über den »guten Deutschen«, der sich wenigstens mal eine Nacht lang nicht von seiner eifersüchtigen Ehefrau drangsalieren lassen will. Tanja Dückers (*1968) hat eine wunderbare Liebesgeschichte aus dem alten Berlin beigesteuert, als die Welt noch nicht in weiche Smoothies und harte Mieten aufgeteilt war. Fritz Hendrick Melle (*1960), bekannt für brachiale literarische Entwürfe (»Wurst«, 2018), legt mit »Pankow« so etwas wie das monologische Manifest einer romantischen Revolte vor. Von Ute-Christine Krupp ist ein Romanauszug zu lesen, der viel verspricht – Thema: Wie verändert sich ein Mensch, der in einer deutschen Sicherheitsbehörde arbeitet und verantwortlich dafür ist, dass kein Terroranschlag passiert?

Der Romanauszug, den Michael Weins (*1971) beigesteuert hat, handelt von einem Mapuche-Mädchen, das als Fünfjährige adoptiert wird – und aus den ärmlichen Verhältnissen eines chilenischen Kinderheims in ein bürgerliches Umfeld in Deutschland verpflanzt wird. Sven Heuchert (*1977), die große Noir-Krimi-Hoffnung, liefert eine knochentrockene Abrechnung zweier Brüder mit der eigenen Herkunft. Kurzprosa-Experte Klaus-Johannes Thies (*1950) legt »Deutsche Texte« vor, halb Lyrik, halb Prosa, immer überraschend in der Anlage, immer stimmig im Sound. Der Kölner Stan Lafleur (*1968), sicher einer der talentiertesten Dichter unter den noch kaum Entdeckten hierzulande, präsentiert seine heimatschwangeren Verse voller Erinnerungen an »Sommer, in denen wir fast so braun wurden wie die Biafrakinder«.

Wie stets bietet die KRACHKULTUR auch Platz für Debütanten: Die junge Abbygail Fuhl etwa, die in ihrem Romanauszug »Nigiri Deepthroat II« mit der Kaltblütigkeit einer Karen Duve (»Keine Ahnung«) von einer arg missglückten deutschen Kindheit berichtet. Die jüngste Debütantin ever in der KRACHKULTUR (jünger noch als Saša Stanišić aus der bereits erwähnten legendären Ausgabe 9/2001) ist Carlotta Mohr (*1996). Ihr kleiner Romanauszug zeigt die Unversöhnlichkeit auch der aktuellen Jugend mit allem und jedem, einschließlich sich selbst. Cihan Acar (*1986) hingegen hat sich den coolen John Fante zum Vorbild genommen und lässt in »Schieb keine Filme, Kemal« einen jungen Deutschtürken eine Abschiedsrunde durch seine Hood drehen, ehe er erstmals in seine andere Heimat, nach Istanbul fliegt.

Zum essayistischen Rahmenprogramm gehört der Kulturschock-Bericht »Pumpernickel und Fischsoße« von Chi Dung Ngo, der 16 Jahre alt war, als er 1978 ein völlig überladenes Boot bestieg, um aus Can Tho, direkt am Mekong, vor den Kommunisten ins Ausland zu fliehen. Die gebürtige Japanerin Miki Sakamoto (*1950), die seit Jahrzehnten in Deutschland lebt und auf Deutsch schreibt und dichtet, entlarvt den Wald der Deutschen als mythischen Schwindel. Eine unterhaltsame Anklage in Zeiten des anschwellenden Waldbaden-Booms!
Und das Cover der Deutschland-Ausgabe stammt einmal mehr vom international bekannten Designer und Autor Yanko Tsvetkov (*1976), dessen politisch unkorrekter »Atlas der Vorurteile« weiterhin die politisch korrekten Gemüter aller Herren, äh, Geschlechter Länder erregt. (Pressemitteilung, KRACHKULTUR)
 
 KRACHKULTUR NR. 19 / 2018
Hrsg. v. Martin Brinkmann u. Alexander Behrmann
Beirat: Christophe Fricker
ISSN 0947-0697 / ISBN 978-3-931924-14-0
216 Seiten / 14 EUR
ET: 17. September 2018
 

 

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