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Neue Zeilen und Tage

Redaktion: 

René Scheu erkundet aktuell in der NZZ das neue Buch von Peter Sloterdijk (und zeigt so – by the way – welche fatale Oberflächlichkeit in den Hirnen so mancher Sloterdijk Kritiker die Oberhand gewinnen konnte, wenn sie Sätze falsch lesen, Hinweise falsch lotsen, Befunde herumdrehen und Denkversuche stigmatisieren):

„Mit den «Neuen Zeilen und Tagen» lässt Sloterdijk die lesende Welt zum zweiten Mal am Zwiegespräch teilhaben, das er mit seinem besseren Selbst führt. Auf über 500 Seiten steht geschrieben, was er zwischen dem Mai 2011 und dem September 2013 auf Papier bannte. Exhibitionismus liegt dem Philosophen fern, doch lernt man ihn durchaus in seinen menschlich-allzumenschlichen Dimensionen kennen. Man liest, wie er seine Manuskripte in Form bringt; wie viele Sorgen ihm die Arbeit an der Aufführung seines ersten Opern-Librettos «Babylon» bereitet; wo er, dieser Vortragsreisende auf Dauerverausgabungs-Trip durch die grosse weite Welt, überall Station macht; wie er Anteil nimmt an Freunden, die sterben; was er beobachtet, wenn er die Natur mit seinem Sportrad erkundet; womit er sich berieseln lässt, wenn er sich abends vor die Glotze setzt, weil sonst nichts mehr geht.“

Im Verlag selbst heißt es zum neuen Buch: „Nach längerer (Bedenk-)Zeit hat sich Peter Sloterdijk dem Unabwendbaren gebeugt. Wer Zeilen und Tage, das von Kritik wie Lesern zum Hype gemachte Vorgänger-Buch, veröffentlicht, kann sich Forderungen nach einer Fortsetzung ebenso wenig entziehen wie den Lockungen der buchlangen Transformation, Privates als Öffentliches auszuweisen und umgekehrt. »Zeilen und Tage vereint in einer grandiosen Mischung Gesellschaftsroman und Gesellschaftsanalyse für unsere Zeit.« Und, weiteres Beispiel: »Muss man das lesen? Unbedingt.«

Dabei erfährt man: »Heutzutage rückt jeder, der lesen und schreiben kann, mit seinem Befund über die kranke ›Gesellschaft der Gegenwart‹ heraus. Die ›Gesellschaft‹ wird so zu dem meist-überdiagnostizierten Patienten. Wäre ich ›die Gesellschaft‹, ich wüßte nicht, woran zu leiden ich mir aussuchen würde.«

Peter Sloterdijk steht tagtäglich Sinn und Zweck des tagtäglichen Mitnotierens der Zeit und der Leute vor Augen und erklärt sich in gewohnt ironischer Weise: »Wozu? Wahrscheinlich lebe ich unter dem Auge eines transzendenten Beobachters, der von mir keine besonders hohe Meinung hat. Mein innerer Beobachter ist kein Publizist.« Folglich unterscheiden sich seine Notizen von denen der Blogger und netz-öffentlichen Tagebuchschreiber durch analytische Präzision, Wortmächtigkeit, Sprachbewusstsein, Gelehrtheit, Aphorismen, Humor, lyrischen Tonfall …  

Wenn also Goethe Neue Lieder, wie Heine und Rilke Neue Gedichte veröffentlicht, dann kann Peter Sloterdijk Neue Zeilen und Tage publizieren. Sie begründen, im Kontrast zu Sudelbüchern, Skizzenbüchern, Ideensammlungen, ein eigenes Genre mit Namen: Archivierung des gelebten und reflektierten Tages.“

Peter Sloterdijk: Neue Zeilen und Tage. Suhrkamp, Berlin 2018.

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