Fixpoetry

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Fix Zone

Petra Ganglbauer über Jeannie Ebner

Redaktion: 

Neuerscheinung im Mandelbaum Verlag:

Befragt man literaturinteressierte Menschen, so kennen nur noch wenige den Namen Jeannie Ebner. Petra Ganglbauer hat eine Festrede auf Jeannie Ebner gehalten, die in diesem Buch dokumentiert ist. Ebner gilt als prägende Exponentin der österreichi­schen Nachkriegsliteratur. Sie verfasste Lyrik, Kurzprosa, Novellen, Erzählungen und Romane. Hilde Spiel verglich sie mit Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger.
Und doch steuerte ihr Werk, wie sie selber es in einem ihrer Romane ausdrückte, »auf das Meer des Vergessens zu«. Ebners literarisches Werk ist nur noch antiquarisch erhältlich.
Die Autorin Petra Ganglbauer setzt sich in ihrer Rede mit den zahlreichen Funktionen Ebners auseinander: mit ihrer Rolle als Herausgeberin, als Förderin sowie als kultur- und gesellschaftspolitisch engagierte Schriftstellerin. ­Ganglbauer blickt auch auf die Darstellung von Frauen in Ebners Werk sowie auf deren eigene Positionierung als Künstlerin und die damit verbundenen Schwierigkeiten.

Die Rede erschien als fünfter Band der Schriftenreihe »Autorinnen feiern Autorinnen« im Mandelbaum Verlag.

*

Jeannie Ebner

Dunkle Erinnerungen

Ich stille mein Herz an der Stimme, die weither kommt
aus der Jahrhunderte gestuften Tiefen.
Dort reicht mir die Alte den Zweig
mit den grünen Nüssen,
und an den Tagen der Schau, in der roten Hitze
des Mittags,
deutet die Priesterin mit der länglichen Braue
den Vogelflug:
"Der erwählt sich Leid, der den Nußzweig bricht."
Auf den einsamen Opferstein fällt dröhnend
das heiße Licht.
Gras reift und verdorrt. Still ist das Laub.
Und die Stille redet und richtet.

Die dort auf schmalen Sohlen vorzeit über Steine ging,
hat an meinem Wesen gewoben.
Die den Krug hob auf das bräunliche Haupt,
hat in die Beuge des Arms mir die Rune gezeichnet.
Den die Flut schlug, in die Galeere geschmiedet,
der grub mir seine tierische Angst in die Seele.
Aus den Nebeln des Nordens sank Trauer in mein
blühendes Blut,
und die Sonnen wendeten langsam
dem Frühjahr entgegen.

Die durch weißen Morgen und roten Mittag gingen,
ruhen nun tief in den blauen Träumen der Nacht,
im Geheimnis des Vogelflugs, bei dem Zweig
mit den Nüssen.
Und immer noch stillt sich mein Herz an der Stimme,
die zu mir spricht
aus der Jahrhunderte gestuften Tiefen:
Das Dunkel ist weit hinter dir und du kannst
nicht zurück.
Setze den Fuß in der leicht gefügten Sandale auf
weiße Erde.
Schweige. Atme. Bereite das Licht.

Aus: Jeannie Ebner: Lichtsignale. Ausgewählte Gedichte. Verlag Podium 2005

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