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überall, aber schwebend

Redaktion: 

André Thomkins, Filmstill aus André Thomkins‘ und Serge Stauffers Film über Lackskins, 1966 (Quelle: Weserburg Museum)

Sehenswerte Ausstellung aktuell im Weserburg Museum in Bremen:

„André Thomkins (* 1930 in Luzern, † 1985 in Berlin) zählt zu den interessantesten und vielfältigsten künstlerischen Positionen der Nachkriegszeit. Außerhalb seines Schweizer Heimatlandes stehen seine poetischen, experimentierfreudigen und humorvollen Setzungen jedoch bisweilen unberechtigt im Schatten seiner Künstlerfreunde wie etwa Daniel Spoerri, George Brecht, Robert Filliou oder Dieter Roth. In Künstler*innenkreisen wird der zweimalige Documenta-Teilnehmer dagegen durch alle Generationen als Impulsgeber hoch geschätzt.

Das Werk von André Thomkins verweigert sich einfachen kunstgeschichtlichen Einordnungen. Schon früh inspirieren ihn die künstlerischen Strategien des Dadaismus, Surrealismus, Situationismus oder der Pittura Metafisica, von Marcel Duchamp, Hans Arp, Max Ernst, Giorgio de Chirico oder Paul Klee. Magie und Parapsychologie sind ebenso Antriebsmittel wie die Kleksographien von Justinus Kerner aus dem 19. Jahrhundert. All dies befördert sein mit zeitgenössischen Tendenzen korrespondierendes Interesse an experimentellen künstlerischen Praktiken. Der Bild-, Objekt- und Wortkünstler Thomkins war freundschaftlich eng verbunden mit den Nouveaux Réalistes sowie den Künstler*innen des Fluxus und der Konkreten Poesie, ohne dass sich sein Schaffen einer dieser Richtungen fest zurechnen ließe.
Bekannt ist er heute vor allem als herausragender Zeichner und Aquarellist. Feder- und Bleistiftzeichnungen, Aquarelle, Ölbilder und Grafiken ebenso wie Arbeiten, die sich am Übergang zur Plastik bewegen, seine Schöpfungen der Lackskins, Rollagen, Permanentszenen, seine Paraphrasen nach künstlerischen Vorbildern, seine Stadt-, Landschafts- und Traumszenen, Labyrinthe, Selbstportraits oder die seltsam schwerelose Schwebsel-Figur (Thomkins‘ Alter Ego) legen dafür ein eindrückliches Zeugnis ab.

Doch war Thomkins nicht nur Bild-, sondern Bild- UND Wortkünstler in einem. Dementsprechend ist sein erfindungsreicher Umgang mit Sprache in Buchstabe, Wort und Sentenz gleichwertig zu seinen Bildfindungen einzuordnen. Er äußert sich in Palindromen und Anagrammen, in Wortspielen und Wortmaschinen. Den Palindromen entsprechen auf der Ebene des Bildes u.a. die Scharniere – Spiegelungen feiner Zeichnungen nach dem Rorschach-Prinzip. Beziehungsreiche Titel sind dabei nicht nur Teil von Thomkins’ wortkünstlerischen Produktionen, sondern formulieren eine Welt für sich und erweitern erheiternd, fein- und tiefsinnig die Lesart seiner Arbeiten.
Das Werk von André Thomkins ist aber auch geprägt von der Liebe zu alltäglichen Materialien wie Gummi, Zeitungsfotos, Erde, buntem Papier, Fundstücken oder Lebensmitteln. Diese Liebe zeigt sich in besonderem Maße in seinen Objekten und Collagen. Aus den verschiedensten Materialien schuf er Werke von gedanklicher Tiefe und spielerisch-assoziativer Qualität, die ihrer Zeit oft weit voraus waren.
Auch Werkskollaborationen mit Künstlerfreunden (etwa mit Dieter Roth, Georg Brecht, Daniel Spoerri oder Robert Filliou) gehören ebenso zu Thomkins’ Experimentierfeld wie Bühnenbilder, Kunst am Bau-Projekte oder Tonaufnahmen.

Inhaltlich und formal sind die Arbeiten von André Thomkins in keine chronologisch lineare Abfolge zu bringen. Vielmehr besteht sein Schaffen aus einem flirrenden Kombinationsspiel, das von Anfang der 1950er Jahre bis in die erste Hälfte der 1980er Jahre hinein beständig variiert, beendet, wieder aufnimmt, ergänzt, neu ansetzt, sich gegenseitig bedingt und weiterführt – ein steter Fluss und eine permanente Verknüpfung von Themen und Techniken. Voller Energie, Intelligenz, spielerischer Leichtigkeit und Humor streben seine Arbeiten danach, das vorübergehend im Werk Fixierte wieder zu öffnen und Hierarchien zu vermeiden. Das Kleine ist so wichtig wie das Große, das Einzelne gleichwertig zum Vielen. Thomkins’ künstlerischer Ansatz ist durch alle Zeiten und Medien von dem Versuch geprägt, einer Erstarrung durch eindeutige Festlegung zu entgehen und neben der vorhandenen Wirklichkeit andere Weltentwürfe zuzulassen. Sein Schaffen sucht nach Alternativen, Varianten und Gegenvorschlägen zum ausschließlich logischen Denken und schließt Intuition und Utopie als Erkenntnismittel ausdrücklich ein.
Die Weserburg Museum für moderne Kunst verfügt mit der Sammlung Karl Gerstner über ein außergewöhnliches Konvolut von Arbeiten des Künstlers. Dieses wird anlässlich der Ausstellung ergänzt von Leihgaben aus Privatsammlungen aus Bremen, Berlin und Budapest sowie aus dem Nachlass des Künstlers. Zusammen ergibt sich ein umfänglicher Einblick in alle Schaffensperioden von André Thomkins.
1969 nach seinem Lieblingsort und -zustand gefragt, antwortete Thomkins: „überall, aber schwebend.

1969 von Serge Stauffer nach seinem Lieblingsort und -zustand gefragt, antwortete Thomkins: „überall, aber schwebend.“ überall, aber schwebend in der Weserburg Museum für moderne Kunst wird kuratiert von Janneke de Vries.“

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