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Lettre International Nr. 126

Redaktion: 

Ein ausführlicher Newsletter stellt Lettre International Nr. 126 folgendermaßen vor (und gerne heute ausführlich im Originaltext gefeatured):

„Brillante und charmante Texte zu Oper und Drama servieren Dacia Maraini, Peter Sloterdijk, Eugenio Barba, Peter Konwitschny, Frank M. Raddatz, Georges Banu, Francis Cohen und Andreas Dorschel. Lebensschicksale von Rebellen, Abenteurern und Asketen schildern Thomas Meaney, William T. Vollmann und Pankaj Mishra: Frantz Fanon, Herman Melville und Mahatma Gandhi sind wir auf den Spuren. Mit dem dieses Jahr verstorbenen João Gilberto würdigen wir ein Genie der música brasileira. Und was erwartet Sie weiter? Héctor Abad verteidigt einen Zauberwald der tropischen Natur, Jean-Claude Pinson sucht nach Wahrem Luxus, Georges Nivat liest Notre-Dame als Buch aus Stein. Wir begeben uns auf Uber-Fahrt in Hongkong und Rio de Janeiro, erfahren, warum die Guaraní nur bis vier zählen, kämpfen mit Lemmy Caution gegen Google Brain, erfahren, wie sich durch Bild und Zahl das Subjekt der westlichen Welt entwickelt hat. Die vielfach preisgekrönte Bühnenbildnerin Anna Viebrock gestaltet das Heft mit künstlerischen Interventionen, und Denis Darzacq und Anna Iris Lüneman lassen Pixel auf Keramik treffen: Double Mix – ein Portfolio.

BRANDHERDE

Einen Hilferuf richtet der kolumbianische Schriftsteller Héctor Abad an die Weltöffentlichkeit. Fassungslos steht er in Zeiten verstärkter Abholzung des Amazonas-Gebiets unter der brasilianischen Regierung Bolsonaro vor den Plänen seiner eigenen, der kolumbianischen Regierung, einen Zauberwald der Natur, ein Habitat der schönsten Vögel der Erde und der seltensten Pflanzen, einen botanischen Garten Eden dem Bau eines Handelshafens zu opfern und somit zur weiteren Zerstörung einer überreichen, aber verletzlichen Natur beizutragen. Schon Alexander von Humboldt bewunderte die unvergleichliche Vielfalt jener einzigartigen Flora und Fauna, doch die rücksichtslose Gier nach Wachstum droht, die letzten Paradiese auszulöschen: Wale, Vögel, Palmen

Das anhaltende Phänomen der „Gilets Jaunes“ veranlaßt Jean-Claude Pinson, über Armut und Reichtum nachzudenken. Warum verortet die Mehrheit der Menschen heute Armut nur weit unten auf der Skala der Anerkennung? Es gab Zeiten, als Armut noch mit Lebensfreude, Stolz und spiritueller Suche einhergehen konnte, mit bewußtem Verzicht auf materielle Orientierung und mit alternativen Lebensentwürfen: „Früher war der Bäckerjunge eine Figur, die immer und ewig fröhlich war: Seine Fröhlichkeit sprühte ihm aus den Augen. Seine Lebensfreude war unwiderstehlich“, beobachtete Pier Paolo Pasolini. Auch das Leben der Franziskaner oder das Selbstbewußtsein der Arbeiterbewegung kannten eine Armut voller Würde. Was vermögen uns diese sozialen Erfahrungen zu vermitteln? Und was hat die Bewegung der „Gelbwesten“ damit gemein? Suchen ihre Anhänger nach anderen Lebenswerten, einer anderen Art von Luxus, nach anderen Beziehungen zur Natur? Spuren einer anderen Geschichte: Von den Hütten

„Elementarisch, Labyrinth und unfaßbarer Wald, die reiche Gotikseele, ihr Verstandesabgrund ...“, so die poetischen Zeilen Ossip Mandelstams zu seiner Begegnung mit Notre-Dame. Tief berührt durch das Feuerinferno im April 2019 führt uns Georges Nivat mit Victor Hugo in die Geschichte seiner Notre-Dame de Paris, in jene Zeit, als Kathedralen noch gelesen wurden wie Bücher aus Stein und der Entzifferung der Welt dienten. Notre-Dame war Herz und Zentrum Frankreichs, Hauptsymbol für Katholizismus und Königtum, Staat und Volk, Imagination und Psyche, ein kulturelles Palimpsest ohnegleichen: Kirche der Krönung Heinrichs IV., der Selbsterhebung Napoleons, der Messe für den Dichter Paul Claudel oder eines Te Deums für den Sozialisten François Mitterrand. Können wir noch dechiffrieren, was uns diese „untergegangene Sonne“ des gotischen Denkens sagen wollte? Tiefenerinnerungen an ein Symbol der Nation und Europas, das zu den Olympischen Spielen 2024 aus Ruinen neu auferstehen soll.

MENSCH UND MASCHINE

Rainer Willert erzählt von der Begegnung der Guaraní in Paraguay mit unseren ausgeschwärmten Vorfahren, den europäischen Entdeckern, Eroberern und Glücksrittern, die sich ebenso wie die aus der alten Welt gekommenen Missionare und Forscher den Indios überlegen fühlten. Und zum Entsetzen der jesuitischen Gottespädagogen stellte sich heraus, daß die Indios nicht bis zehn zählen konnten – und das bei den Zehn Geboten. Doch nicht Faulheit war das Motiv ihrer Unwilligkeit zu zählen, vielmehr ein anderer Blick auf die Welt. Die Guaraní sehen in jedem und allen Unikate, die, anstatt zum unterschiedslosen Zählen zu ermuntern, dazu zwingen hinzuschauen, Unterschiede wahrzunehmen, Einzigartigkeit. Erzählen statt zählen hieß es bei den Guaraní, von den Unterschieden zwischen den Objekten, ihren Eigenheiten und Besonderheiten, denn kein Mensch, keine Gruppe, keine Hütte, kein Steg, kein Jaguar, kein Piranha gleicht dem anderen. Kulturen, die zählen, vernachlässigen das Erzählen.

Allerorten ist die Rede von superklugen Denkmaschinen, die den Menschen an Intelligenz weitaus zu übertreffen vermögen. Liegen Siri oder Alexa intelligente Denkmaschinen zugrunde? Oder suggeriert unsere Kommunikationserfahrung mit den reaktiven Mechanismen der Geräte nur eine eigenständig agierende Reaktion, weil Kommunikation unausweichlich in die Dimension von Intersubjektivität führt? Liegt dieser Vermutung also eine anthropomorphisierende Projektion zugrunde? Der Weg der Künstlichen Intelligenz zur Superintelligenz beruhe auf Überhöhung und Verschleierung, so Bernhard J. Dotzler, und noch die modernste der „Maschinen, die wie Menschen denken“, kann auf eine Reihe von Relais reduziert werden. Die superintelligente Maschine, die den Menschen überflügelt und ihn bedroht, wird es nicht geben. Auch Google Brain ist keine allwissende Maschine, sondern ein Netz von Tausenden von Computern, das sich auf der Ebene seiner Verknüpfungen ständig neu erschafft. Die Phantasmen von der Superintelligenz scheinen dem Autor ein Indiz zu sein für das Vordringen der Maschine in die Leere, die der verschwundene Mensch hinterließ, Vorzeichen einer posthumanen Kultur, die als solche noch nicht verstanden wird: Alphaville 2.0 – Zur Künstlichen Intelligenz als Internetintelligenz

Innovation, Interaktion, Immersion sind jene Schlagwörter, welche die Eroberungsfeldzüge der disruptiven Geschäftsmodelle der Sharing- und On-Demand-Ökonomie begleiten. Uber, Airbnb und andere geben sich als Plattformen, die Kommunikation zwischen Menschen stiften und erleichtern. Doch ist das, was als Partizipationskultur kommuniziert wird, nicht viel eher eine intelligente Form der Markteroberung, die neue Monopole zu erzeugen droht? Roberto Simanowski nimmt uns mit auf Uber-Fahrten durch Rio de Janeiro, Hongkong, New York und Madrid und seine scharfen Beobachtungen erweisen, wie sehr der Sharingkult von Uber unterlegt ist von knallharten Durchsetzungsstrategien einer Kommunikationsplattform, die als Unternehmen mit etwa 75 Milliarden Dollar bewertet wird. Es implementiert Kontrollsysteme, die Fahrten und Gewohnheiten der Kunden lückenlos registrieren, und bedroht das Überleben der Berufsgruppe der Taxifahrer weltweit.

In Bild und Zahl geht Martin Burckhardt der Geschichte des neuzeitlichen Subjekts nach. Zumeist erscheint die Herausbildung des Subjekts in der westlichen Kultur als Ergebnis einer heroischen Selbstzeugung, als Serie von Regelbrüchen, die das Ich dem Zugriff der kirchlichen und weltlichen Autoritäten entwunden hat. Es bleibt das strahlende Selbstporträt, jene Intensität, die noch an der Logik des Selfies ablesbar ist. Doch diese Erzählung mit der Renaissance als Morgenröte der Aufklärung hat etwas von einem Heldenmärchen. Das Subjekt war nie einsamer Solitär, sondern trug stets schon Gesellschaftskostüm. Das Subjekt bildet sich mit der Zentralperspektive, und diese funktioniert wie eine Weltbildmaschine. Die damit verbundene Logik von Subjekt und Objekt gerät mit der neuen Universalmaschine Computer unter die Räder. Dieses digitale Triebwerk produziert ein neues weltumspannendes Schisma zwischen alter und neuer Welt: Bild und Zahl.

OPER UND DRAMA

Peter Sloterdijk ist nicht nur einer der bekanntesten deutschen Philosophen, so streitbar wie umstritten, sondern auch Romanschriftsteller und Librettist. So verfaßte er den Text für eine Komposition von Jörg Widmann: Babylon, ein Maschinenmärchen für die moderne Opernbühne. Der Rekurs auf die vorantike Metropolenregion bringt ebenso die mesopotamischen Mythen ins Spiel wie er das Thema der Sintflut auf seine babylonischen Urgründe zurückführt und von seiner biblischen Überschreibung befreit. Babylon, Sintflut, Oper heißt der Triangel, in dem das Libretto verhandelt, was Michel Serres den „Naturvertrag“ nennt. Die Oper liest sich als „Klimasperrvertrag“, als Versuch, einen neuen Regenbogen zu konstituieren, der alle Erdbewohner miteinschließt. „Wir müssen uns mit der Erde neu verloben“, resümiert der Philosoph die Intention seines Textes, der zwingt, das Verhältnis von Mensch und Planeten von überkommenem metaphysischen Ballast zu entlasten, um angesichts der sich wandelnden planetarischen Bedingungen einen neuen Weg im Verhältnis von Mensch und Natur einzuschlagen. Das Gespräch mit Frank M. Raddatz kreist auch um die kulturellen und naturgegebenen Speicher, um mythische und künftige Menschenbilder und den Entwurf einer politischen Anthropologie wie die Metaphorik des Raumschiffs, das seit Buckminster Fuller eine Chiffre für den Planeten selbst ist. Raumschiff Babylon

Der vielfache „Regisseur des Jahres“, Peter Konwitschny, präsentiert ein Manifest über den Traum vom singenden Menschen, die wunderbare Sache Theater, die komplexe Angelegenheit der Opernregie und einen durch den globalen Markt der Inszenierungen gefährdeten Betrieb. Substantielle und innovative Opernregie ist ihm Voraussetzung dafür, die für den Fortbestand unserer Zivilisation wichtigen Botschaften der Opernliteratur fruchtbar zu machen. Kopf und Herz, Totes und Lebendiges Theater ist seine Liebeserklärung an die Oper, und sie schleudert zugleich Flüche auf jene, die jedes widerständige Moment aus dieser künstlerischen Form austreiben, weil ein weltweit vernetztes Management die Kunst aufzufressen droht.

Der Weltruf der Theaterlegende Eugenio Barba beruht auf der Idee eines Künstlertheaters, das sich obsessiv verausgabt. Barba assistierte lange Zeit bei Jerzy Grotowski auf der Suche nach einem Theater elementarer Erfahrung. Das ästhetische Schaffen seiner Kompanie Odin Teatret im dänischen Holstebro beruhte auf der Begegnung mit anderen Kulturen, und mit seiner School of Theatre Anthropology schuf Barba ein weltweites Netzwerk, dessen Bestrebungen man als „Archäologie der Schauspielkunst“ bezeichnen könnte. Die Fragen nach dem „Wo? Wann? Wie? Für wen? und Warum?“ des Theaters eröffnen seine fünf Kontinente. Alles hängt von der Präsenz des Zuschauers ab. Wie gewinnt ein Schauspieler dessen Aufmerksamkeit? Wie ruft er seine Wachheit hervor? Wie bewahrt er Balance im Spiel, wie erzeugt er Zweideutigkeit, Spannung, Kohärenz und Brüche? Wie setzt er seinen Körper ein und welche Rolle spielen dabei Verlangsamung und Beschleunigung? Wie provoziert man durch Überraschung Reflexion? Ein Dialog mit Frank M. Raddatz über Theateranthropologie und die Geheimnisse der Schauspielkunst.

Der französische Theaterkritiker Georges Banu hält vor der Kulisse des Amphitheaters von Delphi eine Lobrede auf den Theaterzauberer Eugenio Barba. Er schildert die große Reise des Odin Teatret, dessen Identitätskennzeichen seine Mischungen von Sprachen, Ausdrucksweisen, Erfahrungen, Tradition und Avantgarde darstellen. Barba und das Odin haben sich für das Konkrete des Gebiets entschieden und die Abstraktion der Karte geopfert. Es ist ein Theater der Erfahrung und ein Theater der Verführung im Eroberungsgeist des Don Juan. Das Theater will das Anderswo mit Leben erfüllen. Es will inspirierende Unruheherde erschaffen, Leuchttürme, die uns erhellen. Barba gilt ihm als Bahnbrecher, als Künstler, der sich wie Antigone für immer der Aufgabe widmet, ihr Stückchen Land umzugraben: Eugenios Geheimnis

Das Novarinische Theater präsentiert Francis Cohen. Novarina, einer der meistgespielten französischen, hierzulande jedoch kaum bekannten Dramatiker, vergleicht sich mit einem Amateurethnologen, der undurchdringliche Sprachen und Dialekte sammelt, für die es noch keine Wörterbücher gibt. Sein Universum beschwört einen theatralischen Raum der Gleichzeitigkeit von Völkern und Sprachen, der Berührung, des Fließens und des Anderswerdens, in dem Völker sich verändern und der Körper des Schauspielers sich wie bei Beckett zu „entvölkern“ sucht. Die Geschichte ist hier eine der liquiden Sprachen, ihres Flusses und Rückflusses. „In einem Theater der Handlung muß es immer sehr kalt sein, damit man das sehen kann, was verdampft, damit man die ballistischen Spuren der Worte sehen kann, die der Mund ausstößt. Unsere überhitzten Theater hingegen lassen die Worte unsichtbar werden.“

Die italienische Schriftstellerin Dacia Maraini taucht in ihrem Theaterstück Ich heiße Antonino Calderone tief ein in die Welt der „Männer von Ehre“. Beruhend auf vierzig Stunden Befragungen eines Aussteigers aus dem Führungszirkel der sizilianischen Cosa Nostra durch den Mafiaexperten Pino Arlacchi, bietet ihr so atemberaubendes wie burleskes Stück tiefe Einblicke in die Machtmechanismen und den Alltag der Schattenherrscher Siziliens: „Wie lebt der höchste Machthaber der Mafia in seiner absoluten Vorherrschaft? Mit einem Handstreich entscheidet er über Leben oder Tod eines jedermann. Er kann sich nirgends frei bewegen, steht jedoch über allen. Zugleich führt er ein elendes Leben, das gezeichnet ist von der grausamen Angst, erschossen oder erwürgt zu werden. Ein Tod hat den nächsten zur Folge, ein Mord erzwingt einen nächsten. Und wenn er einmal tot ist, dann hatte er kein Leben, denn er war ein lebender Toter, ein Totgeborener.“

Andreas Dorschels Dialog Wolframus kreist um Charakterrollen und den Charakter des Schauspielers. „Charakterdarsteller kann nur werden, wer selber keinen Charakter hat. Oder wer, sofern er einen hat, diesen aufgibt. Das ist mir naheliegenderweise an mir selber aufgegangen“, so der Schauspieler Emil Jannings in einem Dialog in den 1920er Jahren mit Natascha Sedakowa, Lebensgefährtin Leo Trotzkis. „Ich wußte nie, welchem meiner Charaktere ich recht geben sollte. Also entzog ich mich dem ganzen Syndrom. (...) Mein erworbener Mangel an Charakter hat mich allen möglichen Charakteren geöffnet: denjenigen meiner Rollen. Helden und Schurken (...) Eine Sequenz dramatischer Effekte – das ist Charakter.“

Frank M. Raddatz fragt sich, warum das Theater, das sich bei sozialen Problemen höchst engagiert zeigt, die ökologische Gemengelage weitgehend außer Acht läßt, als gingen es die Bedrohungen der planetaren Lebensgrundlagen nichts an. Dieses Phänomen wirkt umso erstaunlicher angesichts des Umstands, daß diese Kunstform auf dem Dionysischen sattelt, auf den existentiellen und auch agrarzyklischen Wendepunkten von Geburt und Tod. Und damit auch dem Phänomen der Metamorphose verpflichtet ist, als dem eigentlichen Wunder des Daseins. Kein Zufall, daß Dionysos, der sich selbst immer wieder verwandelt und die Gestalt verschiedenster Tiere annimmt, zugleich der Gott des Theaters war. Derart dionysisch grundiert, wartet der symbolische Raum der Bühne auf grundlegende Auseinandersetzungen, ist doch der Verlust der Beziehung zu den anderen Erdbewohnern mit einem Wort Heiner Müllers nur um „den Preis des Untergangs“ zu haben. Es gibt keinen Zweifel daran, daß die unausweichlichen Transformationen der Ökosphäre, die das 21. Jahrhundert prägen werden, im Theater einen Mitstreiter finden müssen, damit diesem jene Funktion zurückerstattet werden kann, die es im Zeitalter der breiten Gegenwart verloren zu haben scheint: Zukunftstheater.

ABENTEURER UND REBELLEN

Das abenteuerliche Leben und das reiche erzählerische Werk des 1819 geborenen Herman Melville skizziert der amerikanische Schriftsteller William T. Vollmann. 200 Jahre nach der Geburt des großen Romanciers reist er auf dessen Spuren in den Südpazifik, wo der spätere Autor von Moby Dick Initiation und Inspiration erfuhr. Melville war vor der unerbittlichen Befehlshierarchie seines Walfangschiffs auf der Marquesas-Insel Nukuhiva desertiert und hatte dort, erotisch verzaubert, einige Wochen unter den angeblichen Menschenfressern der Taipi verlebt. Wie diese polynesische Erfahrung Melville dazu brachte, seine großen Romane zu schreiben, welch bitteres Schicksal ihn nach kurzen Erfolgen lebenslang erwartete und wie der sprachmächtige Schriftsteller 20 Jahre als schlechtbezahlter Zollinspektor fristen mußte, weil Kritiker und Publikum seine Literatur verschmähten, erfahren wir aus dieser fesselnden biographischen Reportage: Melvilles Lebensreise

Einer ominösen und paradoxen Verbindung zwischen dem Radikaltheoretiker der algerischen Revolution, dem aus Martinique stammenden Revolutionstheoretiker Frantz Fanon, und dem amerikanischen Geheimdienst CIA geht der Journalist Thomas Meaney nach. Die Tatsache, daß Frantz Fanon nach einer schweren Erkrankung zuerst erfolglos in Moskau und anschließend in einer Klinik in den USA behandelt wurde, bevor er starb, hat Simone de Beauvoir dazu veranlaßt zu behaupten, Fanon sei vom amerikanischen Geheimdienst umgebracht worden. Thomas Meaney durchleuchtet geheime Akten und begegnet dem Agenten, der für die CIA Fanon kontaktierte und betreute. Es enthüllt sich eine andere Version der Geschichte. Die CIA förderte die antikolonialen Unabhängigkeitsbewegungen gegen Frankreich, um sich nach erfolgter Revolution mit den nunmehr freien postkolonialen Staaten ökonomisch verbünden zu können. Eine Recherche in den Kellergewölben des antikolonialen Kampfes: Geheime Akten

Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra erinnert an Mahatma Gandhi, der heute umstrittener ist als je zuvor. Die einen attackieren ihn als Apostel des Status quo, schwarze Aktivisten als Vertreter privilegierter Inder im Südafrika seiner Zeit, wieder andere machen ihn für die Teilung des Subkontinents 1947 in Indien und Pakistan mitverantwortlich. Welche geistigen Überzeugungen ermöglichten seine unerschöpfliche selbstaufopfernde Energie? Er glaubte an die Macht der Wahrheit und Toleranz, an spirituelle Kriegsführung und an Gewaltlosigkeit. Und er glaubte an den Wert des Selbstopfers. Und welche Beziehung unterhielt er zum westlichen Industriemodell und seiner konsumistischen Ökonomie? Er glaubte nur wenig an die Zukunft einer Gesellschaft, die sich vor allem an materiellem Wohlstand und technischem Fortschritt orientiert. Welche Aktualität haben seine Ideen und Überzeugungen noch? Gandhis Vermächtnis

BRIEFE UND KOMMENTARE

Der Musikjournalist Lorenzo Mammì erinnert an ein utopisches musikalisches Projekt und seinen wichtigsten Künstler: João Gilberto und die Bossa Nova. Sie entstand in einem glücklichen Moment der brasilianischen Geschichte, in der fieberhaften Aufbruchstimmung der Ära Juscelino Kubitschek, in der auch Brasilia gebaut wurde. Sie entstand in der kreativen Spannung Ende der 50er Jahre, in der Stimmung einer neuen, vielversprechenden, mühelos daherkommenden Moderne. Ihr großer Schöpfer, der jüngst verstorbene João Gilberto, gilt als Genie der musica brasileira. Der Dichter, Sänger, Komponist war ein Perfektionist und galt als Mystiker, dessen Melodien, Klänge und Gesänge magische Räume des Glücks erzeugen konnten. Er schuf eine Musik für die Zukunft mit einer Energie, die längst nicht erschöpft ist. Ihr Ort war der Meeressaum, ihre Zeit der Spätnachmittag, ihre Poesie eine des Rückzugs. Die Bossa Nova bleibt eine Glücksverheißung.

Der Kulturwissenschaftler Sergiusz Michalski hinterfragt die vorherrschende Interpretation des versuchten Tyrannenmordes vom 20. Juli 1944. Er kritisiert die dominierende Tendenz, dieser Widerstandshandlung gegen Hitler vornehmlich moralische Motivationen zu unterstellen, während seiner Lesart nach nicht nur die Gesinnung im Vordergrund stand und nicht nur die „ethische Unbedingtheit des Staatsstreichversuchs“. Jegliche sakrale Überhöhung Stauffenbergs scheint ihm fehl am Platz. Er folgt der These des Biographen Thomas Karlauf, Stauffenbergs Gegnerschaft zur Hitlerschen Herrschaft habe aus der dramatisch wachsenden militärischen Krise von 1942 und 1943 aus deutscher Sicht gerührt und aus einem geistigen Zusammenspiel rückwärtsgewandter preußischer Elitenverehrung mit sozialreformerischen Impulsen. Michalski schlägt zum tieferen Verständnis einen Vergleich vor zwischen dem Attentat des 20. Juli 1944 und der antinapoleonischen Verschwörung des Generals Malet und einer kleinen Gruppe von Militärs und Zivilisten im Paris des Oktobers 1812: 20. Juli – Stauffenberg und Malet.

Alexander G. Düttmann fragt: Was ist das Eigene? Wenn Vertreter einstiger Volksparteien ihren Fortbestand dadurch sichern wollen, daß sie eine „Versöhnung des Nationalen mit dem Sozialen“ fordern, muß man sich fragen, was mit diesem Nationalen gemeint sein kann. Antworten, die auf eine Aneignung oder Besitzergreifung hinauslaufen, muß man dabei ausschließen, denn ein „freier Gebrauch des Eigenen“ kann sich zum Eigenen nicht wie zu einem Eigentum verhalten, zu einem Besitz, als wären freier Gebrauch und freie Verfügung gleichbedeutend. Denn eine freie Verfügung geht mit einer Verdinglichung einher, und damit wiederum mit einer Unfreiheit, mit einer Verdinglichung des Gebrauchs und Gebrauchten. Was das Eigene sein kann als ein Eigentum, und wie geht die Gewinnung des Eigenen mit der Erfahrung des Fremden einher? Wie sehr bedingt die Gewinnung des Eigenen die Erfahrung des Unheimischen als Zuhause? In welcher Weise postulierten Martin Heidegger, Friedrich Hölderlin und Giorgio Agamben einen „freien Gebrauch des Eigenen“? Und ist das Eigene etwas, was uns auf unheimliche Art heimsucht?

Die brasilianischen Soziologen José Luís Fiori und William Nozaki fragen nach der Rolle US-amerikanischer Akteure beim Machtwechsel in Brasilien von Dilma Rousseff zu dem autoritären neuen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro. Ihrer Ansicht nach ist die Rede von Verschwörungstheorien insofern irreführend als es Verschwörungen tatsächlich gibt und diese nur eine der gängigen Praktiken derer sind, die am politischen Kampf um Macht teilnehmen. Ihrer Ansicht nach gilt es, der Spur einer Verschwörung nachzugehen, die in einem institutionellen Bruch und Regierungswechsel in Brasilien gipfelte. Ihre These lautet, daß diese Verschwörungen unter dem Mandarinat des amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney begannen und nach dem Amtsantritt Donald Trumps an Dynamik gewannen. Ein Rückblick auf die letzten 20 Jahre und eine Indizienkette, in der die Entdeckung von Ölvorkommen, die Bestechung von Mitarbeitern der Ölgesellschaft Petrobras, die weltweite Erdölindustrie und einer der größten internationalen Lieferanten von Offshore-Bohrtürmen und Ölplattformen eine Rolle spielen. Über die Rolle von Halliburton, Dick Cheney, die Antikorruptionsoperation Lava Jato sowie Staatsanwälte und ihre Verbindung zu den USA. Eine Hypothese, eine Indizienkette: Verschwörung in Brasilien?

KORRESPONDENZEN

Der in Berlin lebende russische Philosoph Michail Ryklin war zum sommerlichen Besuch in seiner Heimatstadt Moskau und geriet in die Tumulte, die die Wahl zur Moskauer Staatsduma begleiteten. Mit welcher Härte die Nationalgardisten in ihren an Kosmonauten erinnernden Schutzanzügen auf Bürger einprügelten, die dagegen protestierten, daß kritische Kandidaten willkürlich von den Wahllisten gestrichen worden waren und wie jeder Anflug von Widerstand mit drakonischer Härte niedergehalten wird, schildert er in seiner Korrespondenz. Heimatliche Notizen

Sergio Benvenuto beobachtet die Machtspiele in Rom und ist skeptisch bezüglich des Haltbarkeitsdatums der neuen Koalition zwischen Movimento 5 Stelle und dem Partito Democratico. Salvinis Versuch, über Neuwahlen an die Macht zu kommen, wurde zwar vereitelt, doch es könnte sein, daß sein Sieg nur aufgeschoben ist. Die Hälfte der Italiener teilt mittlerweile die wesentlichen Punkte der Propaganda dieser illiberalen Rechten. Eine Warnung: Phantasma Salvini

Den literarischen Konjunkturen Italiens widmet sich Maike Albath und reibt sich die Augen angesichts des Erfolgs einer Letteratura circostante, die sich um das dreht, was gerade angesagt ist. Sie ist für raschen Konsum gemacht und tickt nach den Gesetzen des Marktes. Die anspruchsvolle Literatur der Nachkriegszeit, von Emilio Gadda und Elsa Morante, Moravia, Pavese, Calvino oder Pasolini, und ihre komplexen Schreibweisen, multiplen Stilformen und reichen Register verlieren an Bedeutung. Storytelling lautet das Gebot der Stunde, Instant-Bücher, lineare Plots: Medien, Markt und leere Zeichen.

Der streitbare amerikanische Journalist Tom Engelhardt blickt aus Anlaß seines 75. Geburtstags auf sein Leben zurück, „ein alter Mann auf einem neuen Planeten“, und erinnert an die Zeit der Proteste gegen den Vietnamkrieg. Gegenüber dieser Zeit des Engagements erscheint die amerikanische Gesellschaft heute völlig demobilisiert trotz der globalen Probleme, die die Welt in Atem halten. Angesichts des manifesten Klimaernstfalls ist von einer großen Mobilisierung gegen den Klimawandel wenig zu spüren. Warum gelingt es nicht, eine Mobilmachung in großem Stil zu initiieren? „Vielleicht waren militärische Mobilmachungen aufgrund eines stammesspezifischen Elements so effektiv: Es ging gegen andere Menschen. Wir haben so gut wie keine Erfahrung mit einer Mobilmachung, die andere Menschen einschließt, um gemeinsam einer Gefahr zu begegnen, die uns alle bedroht. Ist der Klimawandel nicht auch eine Art ‚Weltkriegssituation‘?“: Klimasurrealismus“

 

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