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L’hirondelle rouge

Redaktion: 

Interessante Neuerscheinung beim Leipziger Literaturverlag: Jean-Michel Maulpoix: Die rote Schwalbe. Aus dem Französischen von Margret Millischer. Zweisprachige Ausgabe.

Kommt näher, schaut genau: Das Denken ist von fahler Hautfarbe, gebrochenes Weiß wie Horn, Muschel oder Elfenbein, hart und kalt beim Angreifen, mit feinen Rissen und zwei schwarzen Löchern vorne, zwei Höhlen für Kummer und Leid, zwei schreckliche tiefe Schächte, in denen sich der Wind verfängt. Der verlorene Wind, der Schrei von hier und der Sternenstaub von dort…

Aufgebaut nach dem gleichen Kapitelschema wie Une Histoire de Bleu (4 – 1 – 4) behandeln die etwa halbseitigen poèmes en prose primär das Thema Altern, Tod, Vergänglichkeit, Einsamkeit – im zweiten Teil hingegen ein Aufbegehren dagegen und ein Bekenntnis zur Liebe und zum Leben. Ausgangspunkt ist der schmerzhaft erlebte Tod von Vater und Mutter, das Erschrecken vor der eigenen Endlichkeit und ein Heraufbeschwören von Erinnerungen, den traurigen aus den letzten Lebensjahren der Eltern ebenso wie den lang vergangenen aus Kindheit und Jugend. Maulpoix‘ Sprache ist kunstvoll, bezieht sich auf alle Sinneseindrücke -Töne, Farben - und die Sprache als Werkzeug des Dichters, der angesichts von Tod und Trauer gegen Ohnmacht und Sprachlosigkeit ankämpft.

Jean-Michel Maulpoix: geb. 1952, gehört zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen französischen Poesie. Der Dichter, der sich selbst als „kritischer Lyriker“ einstuft und in der Nachfolge von Char, Michaux, Réda, Jaccottet u.a. steht, behält eine kritische Distanz zu sich selbst und bewahrt doch seinen lyrischen Tonfall. Zu seinen deutschsprachigen Vorbildern zählen Rainer Maria Rilke und Paul Celan, über die er jeweils eine Einführung bei Gallimard/Foliothèque verfasst hat.

Zu den wichtigsten Gedichtsammlungen Maulpoix’ zählen Un Dimanche après-midi dans la tête, Une Histoire de bleu (bei Poésie Gallimard wiederaufgelegt) und sein Lieblingsbuch Pas sur la neige. Mehrere kritische Bücher (vor allem Du Lyrisme, Le Poète perplexe und Adieux au poème, alle bei Corti erschienen) markieren den Weg eines Dichters, der niemals Schreiben und Nachdenken voneinander trennte, was nicht zuletzt das von ihm selbst gegründete „l'Observatoire de la poésie contemporaine“ (Arbeitskreis zur zeitgenössischen Poesie) an der Universität Paris X-Nanterre belegt, wo Maulpoix zehn Jahren unterrichtete. Derzeit ist er Professor an der Universität Paris 3 – Sorbonne Nouvelle.  Seine viel besuchte Webseite: http://maulpoix.net gibt einen Überblick über sein umfangreiches Schaffen.

Margret Millischer: „Jean-Michel Maulpoix war der erste Autor, den ich vor zehn Jahren übersetzt habe. Auch damals handelte es sich um einen Gedichtband im Prosa mit dem Titel „Une Histoire de Bleu / Eine Geschichte vom Blau“ (2008 beim Leipziger Literaturverlag erschienen). Als nächstes übersetzte ich seinen Rilke-Kommentar, daran anschließend von Rilke auf Französisch verfasste Briefe „Lettres à une amie vénitienne / Briefe an eine venezianische Freundin“, zu denen J.M. Maulpoix das Vorwort schrieb und schließlich seine „Pas sur la neige/Schritte im Schnee“ (Leipziger Literaturverlag, 2012). Ich kenne den Autor persönlich, er war wiederholt in Wien zu Lesungen im Institut Français eingeladen. Im Mai dieses Jahres übergab er mir in Paris sein letztes erschienenes Werk „L’hirondelle rouge“ (2017), in dem er den Tod seiner kürzlich nacheinander verstorbenen Eltern verarbeitet.“

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Januar 2020