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„Das Buch“

Redaktion: 

Überraschendes bei Nimbus: "Das Buch" - Ein Gemeinschaftsprojekt von 1902-1904 von Hans Bloesch & Paul Klee. Faksimile-Edition mit Transkription und Beiträgen von Osamu Okuda und Reto Sorg in Deutsch und Englisch.

Aus der Schulzeit verband Paul Klee und Hans Bloesch eine Freundschaft, die über vier Jahrzehnte bis zu Klees Tod anhielt. Bloesch war der engste Wegggefährte bei Klees ersten Schritten in die Sphäre der Kunst, wobei er seinerseits eine Ambition als Autor verfolgte. Bei der Abiturzeitung «Die Wanze» (1898) und dem satirischen «Musterbürger» von 1908 fanden die beiden auch zu gemeinschaftlichen Unternehmungen zusammen.
Unbekannt war bisher, dass es in jener Frühzeit noch ein weiteres Gemeinschaftsprojekt gab, das den lapidaren Titel «Das Buch» trug. Es entstand, als Klee nach seiner Zeit an der Münchner Akademie und in Italien nach Bern zurückkehrte. Was aus ihm werden sollte, war unklar, und so ließ er sich erneut auf ein kreatives Spiel mit Bloesch ein: Man nahm ein Kontorbuch mit 100 leeren Seiten und tat hinein, was die Phantasie des anderen anregen konnte. Klee hatte in München satirische Zeichnungen im Stile des «Simplicissimus» gemacht, zu denen Bloesch nun Spottverse fabrizierte. In anderen Fällen war es umgekehrt: Klee suchte in seinem Studienmaterial nach Motiven, die er neben Bloeschs Gedichte stellen konnte, schnitt aus alten Zeichnungen passende Figuren aus und klebte sie dazu. Die Sache trug den Charakter des «entre nous» zwischen zwei jungen Männern, so dass man sich auch explizit Sexuelles erlaubte. Eine Veröffentlichungsabsicht war mit all dem augenscheinlich nicht verbunden: Man hielt einfach Buch über Einfälle und Ideen, damit sie sich nicht verflüchtigten. Die Zeit würde weisen, wofür man sie brauchen konnte.
Der satirische Tenor des Ganzen führte Klee bald zu seiner ersten größeren Werkserie: den «Inventionen», einer Gruppe von graphischen Blättern mit grotesken Figuren und Szenen. Zwischen den Arbeiten der Studienjahre und jener Graphikfolge bildet «Das Buch» das «missing link», das die Entwicklung auf überraschende Weise erkennbar werden lässt. Zu Beginn noch nach den Vorbildern der einschlägigen Satireblätter zeichnend, ist Klee am Ende zu jenem eigenständigen Künstler geworden, als den wir ihn heute kennen.
Die Edition umfasst alle Seiten des «Buchs» als Faksimile, die Transkription der darin enthaltenen Texte sowie zwei Essays zur Entstehungs- und Werkgeschichte des Projekts von Osamo Okuda und Reto Sorg, die 2005 schon die Ausgabe des «Musterbürgers» besorgt hatten.

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