Fix Zone

Launendienlich

Redaktion: 

Neuerscheinung im Aviva Verlag: Lessie Sachs: „Das launische Gehirn“. Lyrik und Kurzprosa. Hrsg. und mit einem Nachwort von Jürgen Krämer und Christiana Puschak.

Susanne Klingenstein bespricht das Buch aktuell in der FAZ:

„Die Gedichte von Lessie Sachs sollte man nachts lesen, wenn man, ausgelaugt vom Tag, gerade an jenen Punkt gelangt ist, an dem der Selbstzweifel seine zermürbende Arbeit beginnt. Dann entfalten die Gedichte etwas Köstliches, das die Amerikaner „companionship“ nennen – ein ruhiges Zusammensein, in dem man unter Ausschluss der Öffentlichkeit riskieren kann, sich nicht großartig zu finden („Ach, man ist ja nur ein Zwerg“), in dem man zugeben kann, dass man unzufrieden ist („Ich kann mich selbst absolut nicht leiden“) und, ja doch, einsam („Ich habe augenblicklich keine Liebe“) und genervt von Leuten, die einem die Seele aushöhlen: „In meinen Adern rollt’s wie flüss’ges Blei, / Ich muß gestehn: ich fühl’ mich deprimiert; / Man spricht mit vielen Leuten, – einerlei, / Der Spaß daran ist meistens nur fingiert.“

Das launische Gehirn

Mein Gehirn ist widerspenstig; manchmal fleißig, brav und zahm,
Zu was nütze, und was wert.
Aber schon am nächsten Tage obstinat und lendenlahm,
Wie ein altes Droschkenpferd.  

Güte hilft nichts; Grobheit hilft nichts. So, als sei es nicht gesund,
Hockt es da und rührt sich nicht.
Eines Tages aber, – plötzlich, – ohne den geringsten Grund,
Tut es wieder seine Pflicht.

Ha, wo steckt der freie Wille? – Ich erfahre nichts als Zwang;
Denn der Feind in meiner Stirn
Tut nur, was er mag. Und grollend füge ich mich lebenslang
Meinem launischen Gehirn.

Klappentext: Mal voller Humor und Selbstironie, mal nachdenklich und melancholisch: Die Gedichte der 1896 in Breslau geborenen deutsch-jüdischen Schriftstellerin Lessie Sachs sind heute zu Unrecht nahezu in Vergessenheit geraten.

Ab 1930 veröffentlichte Lessie Sachs Gedichte und Kurzprosa in renommierten Zeitungen wie der Vossischen, dem Neuen Wiener Tagblatt und dem Simplicissimus. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zerstörte ihre Hoffnungen auf eine Karriere als Schriftstellerin in Deutschland. 1937 konnte sie mit ihrem Mann, dem schlesischen Pianisten und Komponisten Josef Wagner, und der gemeinsamen Tochter nach Amerika emigrieren. 1944, zwei Jahre nach ihrem Tod, erschien in den USA die Sammlung »Tag- und Nachtgedichte« mit einem Vorwort von Heinrich Mann.

Neben Reflexionen ihres politischen Engagements während der Revolution 1918/19, Erfahrungen aus der nachfolgenden Zeit im Gefängnis und ihrem Erleben des Exils sind es vor allem scharfsichtige Alltagsbeobachtungen, die Lessie Sachs bestechend elegant und pointiert zu Gedichten und Kurzprosa verarbeitet.

Mit diesem Band erscheinen zahlreiche Gedichte und Prosatexte erstmals in Buchform, darunter viele bislang unveröffentlichte aus dem Nachlass. Herausgegeben und mit einem umfangreichen biografischen Porträt versehen von Christiana Puschak und Jürgen Krämer.

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