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Wespennest # 178

Redaktion: 

Das neue Wespennest in Form der # 178 ist draußen:

Das Signum «bürgerlich» steht für die laue Mitte, für den trägen Spießer, der es sich gemütlich gemacht hat. Doch es steht auch für Freiheitsrechte, für die Verlässlichkeit des Bestehenden und die vermeintliche Produktivität mittelständischer Existenz. Der wespennest-Frühjahrsschwerpunkt versammelt Autorinnen und Autoren, die der diffusen Formel «Neues altes Bürgertum» soziologisch wie politisch, ästhetisch wie baugeschichtlich und nicht zuletzt auch biografisch auf die Spur kommen. Editorial

Für Stefan Hradil etwa trifft das Klischee von der Mittelschicht als friedliebendem gesellschaftlichen Puffer keinesfalls zu. Vielmehr sei diese Mittelschicht gegenwärtig «Unruheherd». Auf Basis ökonomischer Daten hingegen geht Martin Schürz ans Werk: Was die Mitte in ein relativ vermögendes und ein relativ vermögensarmes Segment teile, sei der Besitz der eigenen vier Wände.

Einer Spezies, der medial in den letzten Jahren besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde, nähert sich Jochen Schimmang: dem Wutbürger. Schimmang ist geneigt, diesen Begriff für einen Pleonasmus zu halten. «Ist der Bürger nicht schon immer ein latenter Wüterich, der deutsche zumal …?» Demgegenüber fördert der Blick auf das Frankreich des «langen» 19. Jahrhunderts zu Tage, dass die Entwicklung bürgerlicher Gesellschaft auch eine Entwicklung bürgerlicher Esskultur ist. Thomas Hellmuth skizziert sie nach.

Eine umfassende Geschichte des Bürgertums in Osteuropa muss hingegen wohl erst noch geschrieben werden. Für ihren Roman Verlorener Morgen hat sich Gabriela Adamesteanu, ihr von Jan Koneffke aus dem Rumänischen übersetzter Beitrag zeigt es, intensiv mit dem rumänischen Bürgertum beschäftigt – und mit den Kräften, die sich seiner Entwicklung entgegenstellten. Und was hat das alte Bürgertum mit dem noch älteren Patriarchat zu tun? Diese Frage spielt Cornelia Klinger sich selbst zu.

Bürgerliche Wirklichkeit oder Maskenball? In seiner Bildstrecke zum Wiener Opernball 2020 hat Nafez Rerhuf Gästen wie Sicherheitsverantwortlichen aufs mehr oder weniger schillernde Beinkleid geschaut. Ist es also der Maßanzug, der vom Bürgertum übrig bleibt? Da auf den ausgestorbenen Bürger kein Loblied mehr zu singen ist, singt Stephan Reimertz eines auf die Londoner Savile Row. Und während Valentin Groebner das «Bürgerliche» am Beispiel der eigenen Klassenfahrt als akademische Selbstdarstellungsvokabel vorführt, widmet sich Ronald Pohl auf seiner Suche nach literarischen Exponenten neo-bürgerlicher Denkungsart den Werken Ernst-Wilhelm Händlers, Nora Bossongs und Rainald Goetzs. Wie das neue alte Bürgertum wohnt und welche Spuren es in der städtischen Baugeschichte hinterlassen hat, untersuchen schließlich Christoph Roedig und Werner Neuwirth.

Außerdem in diesem Heft: Ende Jänner 2020 verstarb Adolf Holl, langjähriger Wegbegleiter und Autor des wespennest. «Durch Gedanken», so Holl, «werden keine Probleme gelöst, am wenigsten das des Todes». In Leibesvisitationen, seinem letzten Buchmanuskript, widmet er sich daher «vorerst einmal» der Zubereitung bekömmlicher Suppen. Posthum bringen wir den Anfang dieses Textes inklusive eines Nachrufs von Walter Famler.

Zudem freuen wir uns über ein gemeinsames Debüt von Simon Angerer und Maximilian Scheffold, die den reizvoll-paradoxen Versuch eines synchronen Textes wagen, und empfehlen Fredrik Sjöbergs aberwitzige Bemühungen, das Rätsel um Alban Bergs Tod zu lösen. Und last, but not least zeigt Mara Lees «Würgeleine, die man Liebe nennt» einmal mehr, dass – in den richtigen Händen und mit einem Übersetzer wie Paul Berf – alles zu Dichtung werden kann.

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