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Der Anthropos im Anthropozän

Redaktion: 

Eben erschienen bei de Gruyter: der Band zum Workshop Der Anthropos im Anthropozän. Die Wiederkehr des Menschen im Moment seiner vermeintlich endgültigen Verabschiedung, der im Januar 2019 am ZfL unter der Obhut von Hannes Bajohr stattfand.

Seitdem der Begriff des Anthropozäns als mögliche geologische Epoche, in der der Einfluss des Menschen im Erdstratum ablesbar geworden ist, auch als geisteswissenschaftliche Orientierungsfigur Zuspruch erfährt, ist eine erneute Konjunktur des Begriffs vom »Menschen« zu beobachten. Statt weiter in antihumanistischer Tradition destruiert zu werden, hat er nun in der Kollektivfigur des Anthropos als Gattungswesen in seiner Zerstörungsmacht unleugbare Evidenz erlangt. Wo für einige geisteswissenschaftliche Anthropozäntheorien das Anthropozän zum letzten Beweis der Sonderstellung des Menschen wird, sehen sich posthumanistische Positionen plötzlich unter Druck, sich zur diskursiven Gegenwart des Menschen neu zu verhalten.

Ob affirmativ oder ablehnend, die Rede vom Menschen kehrt just in dem Moment zurück, da seine endgültige Verabschiedung schon sicher schien. Dabei ist noch nicht gesagt, dass damit auch eine Rückkehr zur Idee des »ganzen Menschen« fällig wäre. Vielmehr wird die Unabweisbarkeit menschlicher Wirkmacht oft als Notwendigkeit neuer Anthropologien formuliert, die gerade den Fehlern des Essentialismus und der Totalität aus dem Weg gehen wollen.

Auf dem Workshop wurden der Befund der diskursiven Widerkehr des Menschen und die Reevaluierung der Anthropologie im Anthropozän diskutiert.

Guillaume Paoli hat das Buch für den Freitag gelesen und ist nicht davon angetan, wie das wichtige Thema aufbereitet wird: „Bei der Lektüre des Anthropos im Anthropozän schleicht sich zuweilen der Eindruck ein, dass die Zukunft der Theorien mehr Platz einnimmt als die der Menschen. Mit der wiederentdeckten negativen Anthropologie wird offenbar versucht, eine Brücke zwischen Neo- und Posthumanisten zu schlagen, und die ökumenische Absicht lässt einiges an kritischer Schärfe vermissen. Bemerkenswert ist jedenfalls, wie sich die nicht gerade erfreuliche Kunde des Klimawandels, einmal von der posthumanistischen Deutungsmaschine verarbeitet, in Diskursrausch umwandelt. Vielleicht können die „spekulativen Fabulationen“ der amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway oder die metaphernschwangeren Narrative von Bruno Latour, dem französischen Erfinder der soziologischen Akteur-Netzwerk-Theorie, zur – wie an einer Stelle angenommen – „notwendigen Filterung der Komplexität“ beitragen, wahrscheinlicher ist aber, dass sie sich – wie an einer anderen Stelle eingeräumt – in „Wunschdenken“ auflösen.“

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