Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Fix Zone

kalmenzone Nr. 16

Redaktion: 

Irene Klaffke: Weibliche Landschaft (2010). Alle Rechte am Bild liegen bei der Künstlerin.

Die neue kalmenzone ist erschienen und eine gute Idee davon erschließt das Lesen des Editorials:

„My Friend. – Welcome to the Carpathians. I am anxiously expecting you. Sleep well to-night. At three to-morrow the diligence will start for Bukovina; a place on it is kept for you. At the Borgo Pass my carriage will await you and will bring you to me. I trust that your journey from London has been a happy one, and that you will enjoy your stay in my beautiful land.

Wenn wir das sechzehnte Heft der kalmenzone mit einem Zitat aus dem ersten Kapitel von Bram Stokers Roman Dracula eröffnen, dem Begrüßungsbillet des wohl berühmtesten Karpaten­bewohners an Jonathan Harker, so geschieht dies nicht nur, weil der Graf zweifellos richtig damit liegt, die Schönheit der Karpaten zu preisen. Stoker ist niemals an den südosteuropäischen Schau­plätzen seines Werks gewesen, und so hat er beispielsweise den Borgo- bzw. Tihuța-Paß in den Ost­karpaten als unwirtlichen Ort dargestellt, den man besser meiden sollte. Dabei wurde die Ge­gend bereits zu Stokers Leb- und Schreibzeiten für Urlauber und Ausflügler erschlossen. Beispiels­weise war Vatra Dornei jen­seits des Passes im 19. Jahrhundert ein florierender Kurort. Obwohl der internationale Reise­ver­kehr in die Karpaten seit der Wende von 1989/90 selbstverständlich stark zugenommen hat, dürfte dieses große europäische Gebirge in der Wahrnehmung der meisten Mittel- und wohl auch Westeuro­päer immer noch dort liegen, wo eine deutsche Redensart die Karpaten verortet: eben – in den Karpaten.

Während diese umgangssprachliche Wendung suggeriert, sie seien der Inbegriff des Abge­le­genen oder Hinterwäldlerischen, stößt man auf ihre westlichsten Ausläufer bereits in der Nähe von Wien, und es waren nicht zuletzt deutschstämmige Siedler, die über viele Jahr­hun­derte das Leben in den Karpaten mitgestaltet haben. Schon die Hämelschen Kinder sollen in Sie­benbürgen wieder ans Tageslicht gekommen sein, wie man in der Sagenversion der Grimmschen Märchen nachlesen kann. Mag auch der historische Hintergrund der Rattenfängersage ein ande­rer sein und die Auswanderung der Hamelner Jugend ein anderes geographisches Ziel ver­folgt haben, so verweist dieses Detail doch wiederum auf zweierlei: die Karpatenregion als fer­nen, insofern auch „schwer durchschaubaren“ und gefahrenträchtigen Ort, an dem sich die Phan­tasie der Leser und Zuhörer entzünden kann; und den beschwerlichen, aber unter Um­stän­den auch lukra­tiven und womöglich freudigen Alltag in den realen Karpaten. Während die Migrations­bewe­gungen heutzutage fast ausschließlich  aus der Region nach Westen führen, verhielt es sich damit in früheren Jahrhunderten oft umgekehrt. Im großen und ganzen scheint uns die kar­pa­tische Wirklichkeit, mehr noch einst als heute, von Vielgestaltigkeit geprägt zu sein: Auf mehr als 1300 Kilometern Länge durchzieht das Gebirge Ostmittel- und Südosteuropa – mannig­faltig in seinen Natur- und Kulturlandschaften, besiedelt von vielerlei Ethnien und geprägt von einer wechselhaften Geschichte. Immerhin acht Staaten teilen sich in seinen Besitz. Bedenkt man etwa den Raubbau an den ausgedehnten Wäldern der Region, so wird man trotz aller natür­li­chen Reich­tümer doch nicht bei einer romantisierend-idyllischen Sichtweise auf dieses Gebirge ver­harren können. Im übrigen zeigt sich selbst an den Stümpfen des geplünderten Waldes, daß der Schauplatz nicht in den redensartlichen Karpaten liegt; denn es ist längst bekannt und auch in deut­schen Medien thematisiert worden, daß westeuropäische Akteure an diesen Praktiken be­teiligt sind und viel Geld damit verdienen.

Die Herausgeber danken allen Au­to­rinnen und Autoren, Über­setze­rin­nen und Über­set­zern, Bild­künstlerinnen und -künstlern herzlich für ihre Mitwirkung. Franz Hodjak stand freundli­cher­weise für ein langes Interview zur Ver­fügung; ihm und seiner Frau dankt der Hrsg. auf das herz­lichste für ihre Zeit und Gast­freund­schaft. Marleen Raveel erlaubte großzü­gi­gerweise aber­mals die Reproduktion eines Gemäldes von Roger Raveel (1921–2013).

23. Mai 2020, Wien und Bonn, Alexandra Bernhardt & Cornelius van Alsum“    

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