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Zsófia Báns Erzählungen

Redaktion: 

Neuerscheinung bei Suhrkamp: Zsófia Bán: Weiter atmen – Erzählungen. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora.

Die Haut atmet also frei. Luft strömt, Zeit strömt. Die strömende Luft bildet winzige Fältelungen auf dem Vorhang, der die Zeitebenen voneinander trennt. Die Muster auf dem Vorhang tauchen auf und verschwinden wieder, dümpeln, mal hinauf, mal hinunter, als würden sie über das offene Meer treiben, scheinbar ziellos. Das Ziel ist natürlich nichts anderes als die Wiederholung, auf die sich das Bewusstsein auffädelt. Ohne sie gibt es kein Erkennen, kein Wiedererkennen, kein Kennenlernen, keine Erinnerung. Wiederholung: die Mutter des Wissens (schöner, griechischer Name).

Franz Reichelt steht 1912, in seinen selbstgebauten Fallschirm gewandet, auf dem Eiffelturm und zögert, sein Atem wölkt sich in der Kälte, in den alten Schwarzweißaufnahmen »pulsieren Chemie und Kratzspuren wie dichter Schneefall«.

Robika, der ein Siebtklässler wäre, wenn er eine Vorstellung von der Zeit hätte und in die Schule ginge, hat eine Obsession: Jede Woche sucht er sich im Laden von Mama Roza sieben weiße Seifen aus. Als der Laden einmal geschlossen ist, fährt Robikas Mutter mit ihrem untröstlichen Kind auf dem Fahrrad in die Stadt. Auf dem Rückweg haben sie einen Unfall, Robika muss geröntgt werden, eine Seife fest in jeder Hand. Aber alles ist gut, und er darf: Weiter atmen!

Ob sie von einer syrischen Flüchtlingsfamilie erzählt, die an der ungarischen Grenze strandet, von Rimbaud und denen, die ihn erforschen, von Liebenden, Kranken und Kindern, von Paris, Rio de Janeiro oder Ungarn – Zsófia Bán erschafft mit wenigen Sätzen, Filmschnitten Figuren, Bilder, innere Landschaften von ungekannter Tiefenschärfe.

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