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Foto-Objekte

Redaktion: 

Interessante Neuerscheinung (für mich, der Archive liebt, Biobliotheken und Listen) bei Kerber: Johannes Braun & Toby Cornish, Ola Kolehmainen, Joachim Schmid, Elisabeth Tonnard, Akram Zaatari: Foto-Objekte.

Fotografien sind nicht nur Bilder, sondern auch dreidimensionale Objekte. Seit dem 19. Jahrhundert sammeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Fotografien und legen umfangreiche Bildarchive an, die auch heute, im digitalen Zeitalter, nichts von ihrer Relevanz und Brisanz verloren haben. Das Buch versammelt Beiträge über die Arbeit an und mit Foto-Objekten aus vier Fotoarchiven in Berlin und Florenz. Ergänzt wird diese Zusammenstellung durch die Perspektiven verschiedener Künstlerinnen und Künstler.

Im alltäglichen Sprachgebrauch und meistens auch im wissenschaftlichen Jargon werden Fotografien als Bilder bezeichnet. Man sieht in ihnen gewöhnlich nur eine Oberfläche, die man betrachtet. Aber sind sie nicht viel mehr?

Fotografien werden ständig in die Hand genommen, beschriftet, beschnitten, gerahmt, auf Trägerkartons oder in Alben geklebt, ausgedruckt und in Briefumschlägen verschickt, auf dem Smartphone weggewischt oder ins Internet gestellt. Sie werden getauscht, weggeworfen, manchmal zerrissen oder gelöscht. Fotografien sind nicht nur Bilder, sondern auch materielle Objekte. Sie werden nicht nur betrachtet, sondern (auch) gehandhabt.

Archäolog*innen, Volks- und Völkerkundler*innen sowie Kunsthistoriker*innen begannen bereits im 19. Jahrhundert mit Fotografien zu arbeiten und sie in Archiven zu sammeln. Die durch Apparate produzierten Bilder versprachen Objektivität. Auf der Basis dieser vermeintlich neutralen Zeugnisse entwickelten die Wissenschaften ihre jeweiligen Methoden und Praktiken, die heute noch grundlegend sind und teilweise ins Digitale überführt wurden. Gerade wegen ihrer anhaltenden Bedeutung müssen diese Praktiken immer wieder hinterfragt werden, sowohl in ihrer historischen als auch in ihrer zeitgenössischen Dimension. Erst Archivvorgänge wie Einordnen, Beschriften und Klassifizieren machten und machen aus den Fotografien benutzbare Dokumente für die Forschung. Daher sind Fotografien weder objektiv noch zeitlos: Sie haben vielmehr eigene Geschichten. Man muss sie als Objekte und nicht nur als Bilder ernst nehmen, um diese Geschichten erzählen zu können. Das sind die methodisch-theoretischen Prämissen des Projektes Foto-Objekte und somit auch der Beiträge im nun vorliegenden, gleichnamigen Band. Diese beschäftigen sich programmatisch nicht nur mit dem visuellen Inhalt der Fotografien, sondern auch mit ihren Trägerkartons, den Stempeln, Beschriftungen, Flecken, Fehlstellen und weiteren Spuren ihrer Benutzungen und Funktionen im Laufe der Zeit.

 

Kasten Nr.5 mit Negativen des Hahne-Niehoff-Archivs, 2016 © Humboldt-Universität zu Berlin

Die Geschichten der Fotografien zu erzählen bedeutet auch, sich mit ihrer vorarchivalischen Phase auseinanderzusetzen. Wann sind sie aufgenommen bzw. abgezogen worden, mit welcher Technik, durch wen, für wen oder für welche Institution, in welchem Kontext und zu welchen Zwecken? Das sind einige der ersten Fragen, die man sich in Bezug auf Foto-Objekte stellen sollte. Auch wenn nicht alle Fotografien notwendigerweise in ein mehr oder weniger institutionalisiertes Archiv gelangen, ist für das Projekt Foto-Objekte die Betonung des Archivs als epistemologische Dimension maßgebend.

»Ab Ende der 1990er Jahre ließ eine ideologisierte Rhetorik der Digitalisierung die Relevanz von wissenschaftlichen (analogen) Fotosammlungen allmählich ins Schwanken geraten. Das führte in manchen Fällen zur Ausgliederung von Beständen und sogar zu Schließungen von Archiven. Obwohl dieses Phänomen selbst in unserer postdigitalen Gesellschaft weiterwirkt, rücken Fotoarchive gleichzeitig wieder zunehmend ins Zentrum wissenschaftlicher und wissenshistorischer Diskurse«, so Constanza Caraffa, Leiterin der Photothek des Kunsthistorischen Instituts Florenz. »Wir verstehen Fotoarchive als Ökosysteme, in denen die Foto-Objekte mit den Schränken, Schachteln, Klassifikationssystemen und Raumstrukturen, aber auch mit den Archivar*innen und Wissenschaftler*innen sowie mit den Forschungs- und Archivpraktiken interagieren.«

Wie diese Interaktionen stattfinden und zu welchen Veränderungen des Ökosystems sie führen, ist immer situativ, das heißt mit der jeweiligen Zeit und dem jeweiligen sozialen und kulturellen Kontext verbunden. Ökosysteme sind ebenso wie Netzwerke per Definition dynamisch, fluid, instabil.

Genauso »historically situated« sind die menschlichen Akteur*innen und vor allem die Archivar*innen, die im Laufe von Generationen die Foto-Objekte mit ihren täglichen Entscheidungen geprägt haben – und immer noch prägen. Die vorliegende Publikation bietet daher nicht nur die Ergebnisse historischer, zum Teil philologischer Recherchen, sondern auch Berichte und vor allem Reflexionen über das, was Archivar*innen, Wissenschaftler*innen, Autor*innen und Kurator*innen alltäglich im Archiv tun.

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