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Roman über Wense

Redaktion: 

Neuerscheinung bei Berenberg: Christian Schultheisz: Wense

Der ­Universaldilettant Wense ­wandert so, wie er forscht, ­übersetzt und komponiert: ekstatisch. Deutsche Landschaften sind ihm ebenso heilig wie die Sagen und Mythen der Cherusker, Maya oder Osmanen, wie Sterne, Steine und Tiere und all das andere, was es zu entdecken gilt. ­Allerdings herrscht Krieg, sein geliebtes Kassel wurde schon zerbombt, und in ­Göttingen muss er neuerdings Sonden für den militärischen Wetterdienst prüfen …
Angelehnt an die historische Person Hans Jürgen von der Wense erzählt Christian Schulteisz von einem allwissenden Tauge­nichts, der plötzlich taugen soll. Ein tragisch-komischer Roman über Poesie und Irrsinn einer staunenden, zweckfreien Sicht auf die Welt.

Karten sind Partituren der Landschaft, hat er mal geschrieben, zigmal hat er das geschrieben, in Briefen an Freunde und Feinde und Unbekannte. Auch auf Zeitungsschnipsel, die dann per Windpost auf Reise gingen. Einer davon flog um die Welt und kam ihm in Kassel, auf der Frankfurter Straße, wieder entgegen. Karten sind Partituren der Landschaft, der Satz macht ihn nicht nur stolz, er verfolgt und nötigt ihn auch: Mach Ernst, verwandle die Landschaft, die Kartographie in Musik! Aber vom Komponieren muss er die Finger lassen, hat schon mehr als genug zu tun. Die Gedichte von Imru’ al-Qais wollen fertig übertragen werden, genauso die Hymnen auf Ptah und die Weisheiten der Ewe und Sotho. Und wenn er bedenkt, wie viel noch in seinen Mappen schlummert, wie viel hier in nächster Nähe und Ferne entdeckt werden will, da läuft ihm das Wasser im Munde, im Hirne zusammen.

Sehr lesenswert: Harry Oberländer schreibt über das Buch (und mehr) aktuell auf der ebenfalls immer lesenswerten faustkultur:
„Christians Schultheisz‘ Wense-Porträt endet mit einem hochpoetischen Bild. Der Wanderer verlässt die Bibliothek. Im Bewusstsein, dass er das große Werk, das ihm immer vorschwebte und ihm ein Lebensziel war, nie vollenden wird, geht er durch den kalten Morgennebel hügelan hinaus in den Wald. Dort steht er mit kalten Füßen und intellektuellem Adlerblick auf einem Berg. Alles hat Freiherr Jürgen von der Wense in seinem genialen Kopf. Den Potala in Lhasa, das Mainzer Rad im Eichsfeld, den Harz und seine Stollen mit Kohle, Salz und Zwangsarbeitern, die Leine, die im Tal vorbeifließt, und Johann Carl Fuhltrott, der den Überaugenwulst des Neandertalers entdeckte. Das Erhabene und das Schöne, das große Ganze und das akzidentielle Kleine. Musik und Wissenschaft, Geschichte, Ethnologie und die Poetik der Südsee, lauter verlorene Lieben.“

Leseprobe

 

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