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Die edition schreibkraft sucht Beiträge für Heft 36, "ordinär":  Wie obszön kann Normalität sein?

Das Zauberwort post-pandemischer Tage heißt „Normalität“. Eben noch, also vor der Corona-Phase, das gering geschätzte Synonym für Fadheit par excellence, avanciert erlebte Norm neuerdings zum Sehnsuchtszustand. Für viele ist sie gar die zentrale Erlösungsperspektive für die Zeit nach COVID-19. Aber wieso? War sie so gut? War sie so fein? Let’s think it over!

Zunächst einmal ist „normal“ auf alt-neudeutsch eigentlich ein Schimpfwort, in Form gegossen präsentiert es sich ganz „ordinär“. Und was normal ist, definiert die Mehrheit. Normierende Gesellschaftsgruppen grenzen sich im Sprachgebrauch gegenüber einer sozialen Normalität ab, die sie als unterlegen empfinden. Abwertung bedeutet hier auch, dass ökonomische mit moralischer Überlegenheit vertauscht wird: dass eine weiße Weste eine Weiße Weste ist und eine Frau im schlampigen Kittel, Sie verzeihen, zur Schlampe degradiert wird. Die tradierte Distinktionslinie folgt dabei also nicht nur den sozialen Statusgrenzen zwischen arm und reich, sondern zugleich gerne auch jenen zwischen Frau und Mann. Das Ordinäre landet letztlich in einem Eck, das gerade den Bruch der Norm markiert ... das ordinär Vulgäre, die niedere Normalität, wird mit dem Bild des schmutzigen Volks vermengt ganz zum Obszönen: dem Dreck, dem Verwerflichen und dem Verderben zugeordnet. Bleibt auf Abstand, so das postulierte Verhalten der Normierenden. Social Distancing mit negativer Füllung.

Doch auch innerhalb der als „gewöhnlich“ bezeichneten Mehrheitsgesellschaft dient der Begriff zur Abgrenzung, nur andersrum: „Normalität“ ist plötzlich positiv besetzt, jede Abweichung vom Mainstream, jede Devianz wird benannt, bezeichnet und – zumindest sozial – bestraft. Beispiele gefällig? Wer etwa im Mittelalter über Kenntnisse über die heilende Wirkung von Naturkräutern verfügte, wurde zur Hexe und verbrannt. Wer in den 1970er-Jahren biologischen Landbau betrieb, wurde als Spinner bezeichnet und vom Lagerhaus-Stammtisch beim Wirten verbannt. Sexuelle Praktiken von Kleingruppen, Individuen und Subkulturen wiederum wurden scheel betrachtet und mit einem gewissen Schauder ins Schmuddeleck des Ordinären gestellt. Heute ist ganzheitliche Medizin eine etablierte Größe, auf die Wichtigkeit biologischen Landbaus können sich alle zumindest auf dem Papier einigen und die sexuelle Orientierung ist in unserem Kulturkreis (auch hier gilt: zumindest auf dem Papier) von diskriminierenden Regeln befreit worden.

Und dann kehrt das vormals Ordinäre im Alltag wieder – im Sinne einer mehrfachen Paradoxie auf dem Umweg stilbildend wirkmächtiger Ausdrucksformen der popkulturell ausgeschlachteten Subkultur: Von der Intimrasur bis zum Lack- und Leder-Outfit ganz gewöhnlicher Bürger*innen, vom Tätowierungs-Boom samt Lehre mit Matura bis zum Zuhälter-Pit-Bull als Familien-Wauwau ... das Ordinäre ist zuerst provokant gewesen, dann glamourös geworden um schließlich als banale Modeerscheinung wenigstens Parallel-Mainstream zu sein – alles ganz gewöhnlich also. Jeff Koons und Ilona Staller könnten Reiseleiter dieses Weges sein.

Umgekehrt stellt sich aber auch immer wieder die Frage: Wie umgehen mit der Normalität von einst? Sklavenhandel, Unterdrückung von Frauen und Minderheiten, Kolonialismus, Kinderarbeit – all das war lange Zeit gesellschaftliche und kulturelle Praxis Und ist es z.T. heute noch). Was machen wir aber heute mit dem „Neger“ in Kinderbüchern? Was tun mit gewaltverherrlichenden Volksliedtexten? Beschreiben Sie "nur" die Normalität ihrer Entstehungsphase und sind damit Zeugnis einer Zeit, auf die wir aufgeklärt hinabschauen können? Wie behandelt die aktuelle Normalität also die Normalität von früher? Und wie gut ist sie für zukünftige Normalitäten gerüstet? Was wird uns dereinst von unseren Enkelkindern vorgeworfen werden?

Und was hat es mit dem Ordinären sonst noch so auf sich? Wie verschränkt sich die kommerziell ungemein erfolgreiche christliche Popmusik in den USA mit Laszivität, warum erregt die Sekundenbruchteile sichtbare verdeckte Brustwarze von Janet Jackson mehr Aufmerksamkeit als die Socken-bedeckten Penise der ansonst nackten Red Hot Chili Peppers? Ist der Zusatz „ordinär“ in der Namensgebung von Pflanzen und Tieren herabwürdigend? Wie ordinär ist der Alltag im Zeitalter von Online-Pornografie? Und letztlich, ganz aktuell: Was liegt Ihnen näher? Die ganz normale Normalität oder der permanente Ausnahmezustand?

Senden Sie uns Ihre Texte zum Thema: Regen Sie sich auf über Ordinäres, erregen Sie sich am Normalen – wie auch immer Ihre Zugangsweise ist, Hauptsache Ihr Text ist alles andere als gewöhnlich.

Einsendeschluss ist der 16. August 2020.
Einsendungen bitte ausnahmslos elektronisch an: schreibkraft@mur.at
Die schreibkraft sucht ausschließlich bisher unveröffentlichte Texte. Die Redaktion trifft aus allen eingesendeten Texten eine Auswahl. Von der Redaktion zur Veröffentlichung ausgewählte Beiträge werden honoriert. Die Texte sollen nicht länger als 19.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) sein. Bitte vermerken Sie die Länge Ihres Textes am Ende des Dokuments und schreiben Sie in die Kopfzeile des Textdokuments Ihren Namen und Ihre E-Mail-Adresse.

 

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