Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Fix Zone

Adieu fixzone

Redaktion: 

Ein paar letzte Worte, fragt Julietta für die fixzone an. Was soll ich sagen? Fast von Anfang an dabei, habe ich immer leidenschaftlich die Grundidee von fixpoetry mitgetragen: Ein unabhängiges Forum zu sein, das für alle Spielrichtungen der zeitgenössischen Lyrik offen ist. Es gab immer ein zusammenführendes Prinzip, nie ein ab- oder ausgrenzendes, und es gab dank Julietta über alle Jahre unzählbare schöne Momente des Wachstums und des Gelingens, wenn neue Bausteine probiert, wieder verworfen oder etabliert wurden, alles mit der so typischen, von mir geliebten Julietta Chuzpe, aber auch mit Geld, daß sie immer wieder aus privaten Kanälen einschleusen konnte, um die Seite weiter zu entwickeln. Nach einem kurzen schweren Kranksein (ich verstarb während einer Untersuchung im Krankenhaus, der Katheder durchbohrte mein Herz, als ich vom Tisch fiel) baldowerten Julietta und ich die Möglichkeit der fixzone aus. Es sollte ein tagesaktueller Platz sein, an dem man Neues erfährt aus den Welten, die mich interessierten. Also genau nicht aus Welten, von denen man hätte strategisch denken mögen, daß sie aktuell gefragt seien, sondern ganz genau aus der individuellen Melange, die sich über Jahrzehnte in mir selbst erzeugt hatte: Kunst vermixt mit Bibliophilie, Philosophie mit Typographie, Sprache und Sprechen mit Schreiben. Julietta gab mir freie Hand und hat in den letzten sieben Jahren, in denen die fixzone existiert, nicht einmal Einfluß genommen, sondern immer einen Vertrauensbonus mit dem nächsten abgelöst. Unter dem Mantel von fixpoetry hat sie mir ermöglicht auf all die versteckten interessanten Bücher etc. hinzuweisen, die es in großer Zahl gibt, und die in der Regel kaum Aufmerksamkeit bekommen, so daß sich wie von selbst ein Kaleidoskop einer bunten gleichwertigen Alternativwelt entwerfen konnte.  Die fixzone selbst sollte funktioniern nach dem Prinzip des Anspieltips. Dazu war es notwendig Dinge für sich selbst stehen lassen zu können, und sei es als Klappentext, und der Leser sollte sich finden, was zu ihm passt.

Suchen und Finden sind zwei Tätigkeiten. Die erstere hat bereits etwas im Auge, die zweite lässt sich überraschen und lebt aus einer tiefen Serendipität, die man im Netz ausleben kann.

Es heißt immer: das Netz vergißt nichts. Doch doch – das Netz vergißt alles, in ihm ist alles nur digitaler Wind. Wenn fixpoetry eines Tages selbst als Archiv (auch dahinter stehen Kosten) abgeschaltet wird, sind alle Beiträge und alle Docs zur zeitgenössischen Lyrik hinüber. Das wird irgendwann passieren und dann wird es keinen Zugriff mehr auf ein Forum geben, das immer mehr inspiriert hat, als sich selbst gefeiert. Dank der intensiven Ernsthaftigkeit, die Julietta so professionell mit der Präsentation einer Nischenliteratur verbunden hat, konnten viele Dinge entstehen, die anderen Menschen Freude im Namen der Poesie vermittelt haben und ich hoffe, ich konnte mit der fixzone den begangenen Weg einigermaßen gelungen mitgehen. Inspiriert sein, eigen sein, unabhängig, frei – das waren immer Grundprämissen. Und das Wort Vertrauen, nie ausgesprochen, aber täglich wortlos praktiziert.

Einige mögen denken, die fixzone habe sich wie fast von alleine generiert. Durch Zurufe und Tipgeber. Dem ist absolut nicht so. Es gibt keine Hintergrundseilschaften, keine Zuarbeit, und wenn, dann habe ich sie meistens abgelehnt. Die fixzone wollte immer ein Raum sein, der sich selbst entwirft, durch die Freude am Entdecken. Und ich hoffte auf viele, die diese Freude mit mir teilten. Als ich einmal Michael Braun fragte, warum er mich als zeitgenössischen Dichter nicht wahrnähme, sagte er: Er nähme mich doch wahr, er läse jeden Tag die fixzone. In diesem Moment zersprang etwas in mir. Obwohl es keine Bekenner gibt (in den letzten 7 Jahren sind die positiven Rückmeldungen an einer Hand abzuzählen), gibt es Nutzer, die genau das tun, was ich mir erhoffte: sie erfreuen sich. Das machte mich auf der einen Seite stolz, auf der anderen aber, sah ich meine eigenen Texte entwertet, nicht der Rede wert. Ich empfand die Zeit, die ich investierte in Recherche und Surf, täglich vielleicht ein bis zwei Stunden für die fixzone (nach acht Stunden Chemischer Industrie), als die „richtige“, weil sie mir zu Wahrnehmung verhalf, wenn auch in bescheidenstem Ausmaß. Und das eigene lief dabei weg, versickerte. Und das war nicht nur mein Problem: Julietta hatte über Jahre ihr eigenes Schreiben hintenangestellt, und zwar komplett hintenangestellt (für einen Roman bei einem großen deutschen Verlag war schon unterschrieben), und irgendwann war sie „fixpoetry“ und nicht mehr das eigentliche Talent, das in ihr schlummert. Das muß man alles aushalten, wenn man „für etwas“ und „an etwas“ arbeitet und dabei das „für sich“ vergißt. Ich persönlich glaube, daß die Zeit der Selbstopfer irgendwann vorbei ist. Es gibt einen Deckel: fixpoetry wächst nicht mehr und verschlingt aber den ganzen Menschen, der dahintersteht und wirkt.

Irgendwo ist es logisch, daß jetzt eine Zäsur kommen muß. Zuviele Menschen profitieren von der Arbeit weniger und diese wenigen hauen sich den Kopf an. Immer unbezahlt, immer nur Kosten, immer nur Arbeit. Und das Eigene liegt irgendwo am Boden, unauffindbar verstreut. Das ist in etwa, was ich nachempfinde. Es gibt noch mehr solche Selbstausbeuter in unserer geliebten Nischenliteratur Lyrik – ja, es ist nachgerade eine Grundvoraussetzung in ihr etwas aufzuziehen. Machen geht, aber dann bitte selbstausbeutend. Wer die Ideale nicht mitbringt, soll halt auch seine Finger davonlassen – auch das ist eine Stimme, die man aktuell raushört. Dann aber bei den Selbstausbeutern gnadenlos eigene Texte vorbeischicken mit der Bitte um Veröffentlichung. Und bei einem negativen Bescheid, bitte nachtreten und das Werk des bösen Ablehners öffentlich zerreissen.

Ich muß zu einem Ende kommen: Julietta, es hat riesig viel Spaß gemacht all die Jahre der Zusammenarbeit, in der du mich ermöglicht hast. Schaun wir mal, was weiterkommt.

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