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Die weibliche Seite Gottes

Redaktion: 

Titelillustration der Ausstellung, von Joan Snyder (Quelle: Jüdisches Museum)

Neue Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt/Main:

Die Ausstellung verbindet die kulturhistorischen Spuren von weiblichen Elementen in den Gottesvorstellungen der drei monotheistischen Religionen mit Darstellungen in der Bildenden Kunst. Sie spannt einen Bogen von antiken archäologischen Figurinen über mittelalterliche hebräische Bibelillustrationen, Madonnenbilder der Renaissance bis hin zu Interpretationen renommierter zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.

In der polytheistischen Welt des Alten Orients waren Darstellungen weiblicher Gottheiten weit verbreitet. Auch bei der Herausbildung des biblischen Monotheismus spielen sie noch eine gewisse Rolle, wurden allerdings in der Zeit nach dem sogenannten Babylonischen Exil mehr und mehr verdrängt. Fortan wird dem einzigen Gott in der hebräischen Bibel und den rabbinischen Auslegungsschriften weniger eine Partnerin zur Seite gestellt, als vielmehr eine weibliche Seite zugesprochen.

Göttinnen im Alten Israel
Den Ausgangspunkt der Ausstellung bilden archäologische Artefakte aus dem Alten Orient, in denen weibliche Gottheitsvorstellungen und die ihnen zugeschriebenen Kräfte, Eigenschaften und Wünsche zum Ausdruck kommen. Die Göttin "Aschera" tritt beispielsweise sowohl figürlich wie auch als stilisierter Baum in Erscheinung. Ihre Darstellungen wurden insbesondere in der Gegend um Jerusalem gefunden. Mit der sich zunehmend durchsetzenden Vorstellung, dass es nur einen Gott gäbe, verschwinden die Spuren von Aschera und anderer weiblicher Gottheiten.

Frau Weisheit und Gottes Gegenwart
In den biblischen und außerbiblischen Texten finden sich vielfältige Vorstellungen von weiblichen Aspekten des einen Gottes. Dies gilt etwa für die Weisheit, die sowohl als Partnerin wie auch als Kind Gottes dargestellt wird. Mit der Schechina, der Einwohnung Gottes auf Erden, kommt in den rabbinischen Schriften eine weitere Vorstellung hinzu, die insbesondere in der jüdischen Mystik eine zentrale Rolle spielt. Die Schechina ist immer dann anwesend, wenn Jüdinnen und Juden beten oder die Tora studieren. Die Künstlerin Jacqueline Nicholls kommentiert und reflektiert diese Vorstellung, indem sie einen Tora-Mantel, der als Schutz um eine Tora-Rolle gestülpt wird, in Form einer Korsage gestaltet, die weibliche Formen erahnen lässt.

Bedrohung: Frau
Die hebräische Bibel umfasst zwei Schöpfungsgeschichten, in denen die Frau einmal zusammen mit dem Mann und einmal aus dessen Rippe geschaffen wurde. Nach rabbinischer Interpretation handelt es sich um zwei verschiedene Frauen, wobei die erste Frau Adams Lillith genannt wird. Sie führt insbesondere in christlichen Darstellungen als Schlange den ersten Verstoß gegen ein göttliches Verbot und die darauffolgende Verbannung aus dem Garten Eden herbei. Im jüdischen Brauchtum dienen vor allem Amulette zur Abwehr ihrer vermeintlich bösen Kraft. Die zweite Frau, die aus Adams Rippe geschaffen wird und ihn dennoch zum Verstoß gegen das göttliche Gebot verführt, ist Eva. Sie wird in den bildlichen Darstellungen häufig zusammen mit Lilith als Schlange dargestellt.

Glaubensmütter
Die Vorstellung einer Muttergöttin oder Großen Mutter geht auf frühgeschichtliche Kulturen zurück, in denen Göttinnen als Lebensspenderinnen und Fruchtbarkeitsgöttinnen oder als Mütter von Göttern verehrt wurden. Eine dieser Muttergöttinnen, deren Kult ursprünglich aus Ägypten stammt, ist Isis. Ihre Darstellung als stillende Göttin mit dem Horus-Knaben auf dem Schoß gilt ikonographisch als Vorläuferin der späteren "Maria lactans", der stillenden Maria.

Selbstermächtigung
In einem historischen Exkurs legt die Ausstellung dar, dass nach heutigem Forschungsstand Frauen in den religiösen Praktiken der Spätantike, des Mittelalters und der Neuzeit eine aktive Rolle einnahmen. Dies verdeutlicht etwa der Grabstein einer Synagogenvorsteherin aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert u.Z. oder eine der ältesten bekannten Esther-Rollen aus dem Jahr 1564, die von einer Frau geschrieben wurde. Hildegard von Bingen, eine charismatische Universalgelehrte des 12. Jahrhunderts, begründete mit ihren Visionen und ihrer asketischen Lebensart gar eine eigene Glaubenslehre. Die Künstlerin Ofri Cnaani erinnert in ihrem illustrierten Buch an die Geschichte einer frühen chassidischen Rebellin des 19. Jahrhunderts. Im 20. Jahrhundert setzte sich die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim für eine Reform des orthodoxen Gottesdiensts ein und verfasste eigene Gebete. Wenig später wurde mit Regina Jonas die weltweit erste Rabbinerin in Offenbach ordiniert.

Mystische Verbindungen
Zum Abschluss thematisiert die Ausstellung Riten und Darstellungen, in denen eine Vereinigung von weiblichen und männlichen Prinzipien, Kräften und Figuren zum Ausdruck kommt. Im Zentrum stehen dabei die mystischen Strömungen der drei monotheistischen Religionen – Gnosis, Kabbala und Sufismus –, die das Verhältnis von Gott und Mensch immer wieder mit einer Hochzeit zwischen Braut und Bräutigam vergleichen.

Zur Ausstellung ist ein Katalog mit Essays bei Kerber erschienen.

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