Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
W. H. Auden* 1907† 1973

Lady

Lady, weeping at the crossroads
Would you meet your love
In the twilight with his greyhounds,
And the hawk on his glove?

Bribe the birds then on the branches
Bribe them to be dumb,
Stare the hot sun out of heaven
That the night may come.

Starless are the night of travel,
Bleak the winter wind;
Run with terror all before you
And regret behind.

Run until you hear the ocean's
Everlasting cry;
Deep though it may be and bitter
You must drink it dry.

Wear out patience in the lowest
Dungeons of the sea,
Searching through the stranded shipwrecks
For the golden key.

Push on to the world's end, pay the
Dread guard with a kiss;
Cross the rotten bridge that totters
Over the abyss.

There stands the deserted castle
Ready to explore;
Enter, climb the marble staircase
Open the locked door.

Cross the silent ballroom,
Doubt and danger past;
Blow the cobwebs from the mirror
See yourself at last.

Put your hand behind the wainscot,
You have done your part;
Find the penknife there and plunge it
Into your false heart.

Lady

Ein rätselhaftes Gedicht, Audens Lady, dessen schwere Tanzschritte ich versucht habe im Deutschen ertönen zu lassen. Weshalb soll ich, wenn ich endlich vor meinem eigenen Spiegelbild stehen, mir ein Messer in mein falsches Herz rammen? Fällt Selbsterkenntnis unvermeidlicherweise mit dem Tod zusammen? Dem endgültigen, oder dem täglichen, kleinen? Nun, wir werden sehen.

Vorerst lasse ich die Lady in mir klingen.

Lady

Große Weinende am Kreuzweg
Wirst Du den Geliebten kennen?
In der Dämmrung, dort mit seinen Hunden
Und dem Falken auf der Hand?

Lock die Vögel auf den Zweigen,
Lock sie tumb und taub,
Starr die Sonne aus dem Himmel,
Fallen möge nun die Nacht.

Sternlos sind die Reisenächte,
Freudelos der Winterwind;
Lauf die Furcht fort und die Reue,
Lasse einfach hinter dir.

Laufe bis Du von der See
Schreie hörst ohn Unterlass;
Mag sie tief sein, tief und bitter,
musst sie trinken ganz.

Leere diesen Kelch zur Neige,
Die Geduld am Grund der See,
Suche in den Wracks der Schiffe
Jenen Schlüssel, ganz aus Gold.

Dränge an das Weltenende,
gib dem Wächter einen Kuss;
Überquer die alte Brücke,
Unter der ein Abgrund tost.

Dort liegt das verlassne Schloss
Will erkundet werden,
Steig die Treppe immer höher,
Öffne die verschlossne Tür.

In dem stillen Tanzsaal stehen
Angst und Zweifel totenbleich;
Spinnenweben vor den Spiegeln,
fort mit ihnen, schau dich an.

Greife hinter stumme Wände,
Dein Part ist zu Ende hier;
Nimm das Messer und dann stoß es
Dir ins falsche Herz.

Aus dem Englischen nachgedichtet von Stefanie Golisch

Foto: Auden in 1939. From the Library of Congress Source: Wikipedia

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