Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Caracas, die Sterbenden grüßen dich nicht.

Schon haben sie keine Hände mehr, die sie heben können
man hat sie ihnen abgeschnitten, ihnen entrissen
die Hunde, die auf dem Kopf durch die Nacht wandern
oder beim Glücksspiel verloren gingen, leichtsinnig
und blutgetränkt wie dein Ruf.

Weder knien sich die Sterbenden hin
noch darf man sie dem bebenden
Metall überlassen, das ihre Rücken durch-
schlägt und ihre Wirbel auffädelt  und ihnen
den Gang verdreht. Ein Beben, als sei es
aus der Kälte der ersten Weltnacht gekrochen.

Sie inhalieren deinen Dunst, deine Düfte
von Gras und vergammeltem Fleisch und Blei
füllen in der Glut der Sonne ihre Bronchien an
verwüsten ihnen die Gaumen. Ekelerregender
Duft von Müllwagen und reumütigem Asphalt.
Caracas, alle vertrockneten Münder sind dein.

Wir haben dir duldsam unsere Kindheit überlassen
uns haben ein paar Straßen abgehärtet, der Geschmack
von Brot, der erste Raub und das erste Morgenrot
zerschlissen von Schüssen und Regen. Alles ist deins
unser ganzer Atem, den wir dir gestohlen haben. Die
Sterbenden beäugen dich wie zu zähmendes Vieh
und grinsen dich zahnlos an.

Wir grüßen dich nicht, obwohl wir
in deiner Arena stehen, im Staub, aus dem wir gemacht sind
und der sich jetzt mit unserer Haut vermischt.
Wir sind bereits durch dein Gebein gefahren, müde, verdreckt
gerobbt durch Blindheit. Wir kennen dich, Caracas.
Jeden Morgen zersplittert der Stein deines Lachens
an unseren Stirnen. Wir kennen deine Grimassen    
als fleischfressende Mutter, wir haben gesehen
wie du dir in den Schwanz beißt.

Wir grüßen nicht und niemand kriegt es mit.
Niemand bemerkt das abgelagerte Oxyd
in unserm Geschrei, niemand nimmt Notiz von unseren
Gesichtern, die schon verstanden haben, dass die Prosa
von Jetzt auf jeden Fall so schroff sein wird
wie deine Gassen
und die Stunde unseres Abgangs  
wird in der Gnade deiner verirrten Kugeln stehen.

(Übersetzung: Geraldine Gutiérrez-Wienken & Marcus Roloff)

Aus: Salvoconducto. Pre-Textos, Valencia 2015

 

In der Hölle der Wörter. „Freies Geleit“ von  Adalber Salas Hernández

In seinem Gedichtband Salvoconducto (dt. Freies Geleit) klagt der junge venezolanische Dichter Adalber Salas Hernández (*1987) seine Geburtsstadt Caracas und mithin den Staat Venezuela an. Es ist ein Land der zerstörten Kindheiten, der geschändeten Landschaften. Andauernde Anarchie, Extremismus und Gewalt haben die Umwelt und das Leben in einen Notalltag verwandelt. Selbst schöne Erinnerungen an die eigene Kindheit werden von Entfremdung und der Erfahrung von Ungerechtigkeit und Tod verdrängt. Es ist die Anklage einer Generation, die mit dem Entsetzen in den Augen großgeworden ist, unter einer politischen Führung, die ihre Macht zu Ungunsten der Bürger missbraucht. Diese Generation erstickt am Gestank der Mülltonnen und der täglich zunehmenden Zahl der Toten.

Caracas a.k.a. Medea verschlingt ihre Kinder.

In elegischer Sprache, die notwendig pathetisch ist, aber auch locker gefügt und satirisch sein kann, zeichnet Adalber Salas Hernández ein Bild von der Hölle als einzig möglicher Wirklichkeit. Das Epigramm, das dem Buch vorangestellt ist, stammt aus Dantes Inferno (III. Gesang):

„In langer Reihe folgten ihm (Fähnlein), gezwungen,
So viele Leute, dass ich kaum geglaubt,
Dass je der Tod so vieles Volk verschlungen.“

Mitten in dieser quälenden Dunkelheit, die auch andere Gäste  wie Góngora, John Coltrane, Paolo oder Francesca aufnimmt, öffnen sich Augenblicke der Schönheit. Hernández eignet sich das Tonsystem eines der berühmtesten Gedichte aus den Prosas Profanas (1896) des nicaraguanischen Schriftstellers Ruben Darío (1867-1916) an. Er schafft damit eine Wildheit, die jeden unmittelbaren Bezug zur Wirklichkeit auflöst, sie stattdessen in ein wortmächtiges Areal überführt. „Der Präsident ist traurig, / worunter leidet er? / […] Armer Präsident, protoplasmatisch Gefangener seiner Grundstücke […] / er fragt sich, ob er pasteurisiert werden wird, / als Vormensch vorhuman!“ (X. Sonatesco y ripioso).

Das Buch „Freies Geleit“ führt den Leser auf mehreren Ebenen durch das Weltgeschehen und die Sprache, in welcher die Erfahrungen des Dichters zusammenfließen. Das letzte Gedicht (XXXIII. Salvoconducto), das dem Buch seinen Titel gibt, suggeriert nicht nur das (höllische) Ringen des Dichters nach Worten. Hier wird der politische Charakter des gesamten Buchs noch einmal hervorgehoben. Denn die Tatsache, dass der Dichter am Ende im Fadenkreuz seiner eigenen Wörter steht, stellt laut Giorgio Agamben „eine echte politische Handlung dar“. (Geraldine Gutiérrez-Wienken & Marcus Roloff)

 

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