Fixpoetry

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Text des Tages

Religion des intensiven Lebens

Als ich diese traurige Musik trank, wurde alles lebendig. Sie schwamm mit den Triolen einer wirklich schwermütigen Gitarre und wartete geduldig auf ein neues Glas Portwein, den wir wie Fassbrause trinken sollten. Dass man Musik trinken kann, musste ich erst lernen. In Lissabon.

Zuerst verschluckte ich mich, konnte die trübe Brühe nicht herunterbringen. Mein Zwerchfell rebellierte jedes Mal. Die vielen Fahnen und Transparente gegen meine Innenwände. Die vielen Frauen, und ab und an auch Männer, die ich mit Bedeutung versah. Viele intensive Leben lebte.

Irgendwann verstand ich die Bewegung, die Sehnsucht, die sich mit Traurigkeit chiffriert. Wir lebten uns beide voll aus und fanden uns in der Verzweiflung unserer Leben, wurden leidenschaftlich, schüttelten die Wertmaßstäbe der anderen ab und schwammen letztlich gemeinsam mit den Triolen einer wirklich schwermütigen Gitarre. Wurden lebendig.

Und dann wurde mir klar, wie sich das Abhängigkeitssyndrom anfühlt. Die wiederholte Einnahme eines psychotropen Lebens konnte sich nur so entwickeln. Weit mehr als nur ein Verhaltensstimulus. Man kommt einfach nicht davon los: man ist nur mit der Verzweiflung lebendig, nur mit der Leidenschaft ganz.

Einer von vier Säften, den wir auch tranken wie Fassbrause.

 

Erschienen als Poetryletter Nr. 250 im Mai 2013
Illustration: Andrea Schmidt

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