Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Auszug aus: Fundstück  PAPIER oder »Fliegende Blätter«

Das Wort Messie kommt mit nur schwer über die Lippen. Ich mag es einfach nicht und ausgeschrieben erst recht nicht. Aber ich kann meine Scham über überlaufende Ablagen nur schwer mit eine Art Kulturbonus verbrämen und sozusagen den Besser-Messie spielen, denn das Problem ist nicht im kreativen Bereich zu Hause, sondern im familiären. Wenn der Herrgott dereinst meine Tante zu sich ruft, können wir nur hoffen, dass sich das in der Stadtbäckerei zuträgt oder im Eppendorfer Krankenhaus, wo sie ein paar Mal im Jahr liegt, um sich von ihrer Wohnung zu erholen. Denn zwischen den Bergen von Kartons, Plastiktüten und alten Zeitungen würde sie nicht so leicht zu finden sein. Immerhin hat sie eine treue Putzfrau, die nach wie vor einmal die Woche kommt, wenngleich die Gänge zwischen den Haufen zu schmal für einen Besen sind. 

Ich kann mich nicht einmal hinter der Erklärung verschanzen, dass Menschen, die nur schlecht mit Alkohol umgehen können – es also nicht gut mit sich meinen – diese Destruktivität durch Chaos allenthalben auch im Äußerlichen zeigen, weil mein Vater kaum etwas getrunken hat und doch um ein Haar von einem ein Meter hohen Stapel ungelesener Architektur-Zeitschriften, die auf einem Stuhl am Kopfende seines Bettes balancierten, erschlagen worden wäre, wenn man ihn nicht rechtzeitig gefunden hätte. Auf der nach oben offenen Messie-Skala führte er vermutlich einen geradezu ordentlichen Haushalt: Bis zu seinem Lebensende konnte er Papier perfekt „auf Stoß“ legen. Rein handwerklich hatte er die Sache also im Griff. Über den Inhalt der Stapel wusste er weit weniger. Und immer weniger. Fast bis zuletzt schrieb er in wasserwaagengerader Linie in gestochenen Schrift auf seine karierten Abreiß-Notizblöcke, die (um jeweils eine Fuge versetzt) ebenfalls auf Stoß lagen. Nur was er notierte, wurde unwesentlicher und unwesentlicher. 

Ich selber verliere ab drei Blatt Papier bereits den Überblick, ab sieben bin ich überfordert und das Dutzend bringt mich dicht an die Nervenkolik. Beim Vervielfältigen verwechsle ich umgehend und zuverlässig Original und Kopie. Ich bin nicht Herr der Dinge, sondern umgekehrt. Sie machen, was sie wollen. Selbst die kleinsten von ihnen tanzen mir auf der Nase herum. Ein Beispiel jenseits von Papier und Papieren: Ich nähe nicht gerne Knöpfe an, es scheint dennoch vernünftig, die Reserveknöpfe des neuen Winterjacketts, die in einem Tütchen beiliegen, aufzubewahren. Aber wo? In der Tasche lassen? In ein Schälchen legen? Seinem Anwalt geben? Jahre später finde ich die Winterknöpfe dann bei 35 Grad im Schatten in Sansibar in meinem Kulturbeutel, wo ich nach einem Nähset suche, um einen Riss in der Shorts zu flicken. (Deshalb war ich natürlich nicht extra nach Afrika gefahren.) 

Mit d e n Papieren ist das nicht anders. Aus demselben Grund besitze ich im Prinzip drei Impfpässe – allerdings mit jeweils verschiedenen Eintragungen. Hatte ich die Tetanus-Vorsorge? Lieber machte ich die Tollwutimpfung noch mal, als drei gelbe Dokumente rund um die Uhr zu bewachen. 

Aus: Ziegel 15 ·  Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017 · herausgegeben von Jürgen Abel · Antje Flemming ·Wolfgang Schömel · Dölling und Galitz Verlag Juni 2017

Veranstaltungshinweise und Näheres rund um den Hamburger Ziegel finden Sie hier.

Mehr Bilder und Texte