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Text des Tages

Complicius Complicissimus

 

Das Gefängnis in Brooklyn

Ich aber fühlte mich, obwohl es von außen in seiner Düsternis an eine Trutzburg Wilhelms des Eroberers gemahnte, wohl im Raimond Street-Gefängnis, wurde ich doch, sicher nicht zuletzt um meiner wachsenden Popularität willen, von den Schließern, Köchen, ja selbst vom Direktor mit äußerster Zuvorkommenheit behandelt. Auch hatte ich viel Besuch: von meinen Brüdern (nicht einschließlich der Verräter unter ihnen), Annie und vielen anderen. Bald hatte ich mich mit meinem Zellengenossen, einem fidelen Geldschrankknacker, angefreundet, nachdem er den Schweißbrenner deutschen Fabrikates über den grünen Klee gelobt hatte, den er bei der Arbeit regelmäßig zu handhaben pflegte und der so klein war, dass er in jedes Damennecessaire gepasst hätte. Der Mann erzählte mir viel von seinem Handwerk, bei dem es durchaus große Herausforderungen gab, etwa, wenn er „in Stahl“ hatte arbeiten müssen, was ihm die ebenfalls deutschen Fabrikate nicht immer leicht machten oder „in Beton“, was eine zusätzliche Schwierigkeit bedeutete. Die höchste Schule der Geldschrankknacker-Kunst jedoch, die er in seiner Bescheidenheit in unseren Gesprächen zu beherrschen bestritt, obwohl er erstaunlich gut darüber informiert zu sein schien, war „in Wasser“ zu arbeiten, da viele Bankiers und Industrielle ihre Habe inzwischen in riesigen, wassergefüllten Bassins versenkten, die vor der eigentlichen Arbeit am Schrank erst angebohrt werden mussten, um das zum Teil in erheblichem Umfang vorhandene Nass in aller Heimlichkeit abzuleiten. Unter diesen Gesprächen rauchten wir unsere Zelle fleißig mit dem Qualm der kubanischen Zigarren voll, die meine meist deutsch-stämmigen Bewunderer mir selbst ins Gefängnis nachzusenden sich nicht nehmen ließen. Ein mehr als angenehmer, sowohl interessanter wie interessierter Gesprächspartner war dieser Zellen-Genosse, in dessen freundschaftlicher Gegenwart es mir nicht leicht fiel, mir, bei allem fröhlichen Geplauder, hin und wieder eine Stunde für die Arbeit an meinem Buch auszubitten, da sich für meine Abenteuer, die ich bald fortzusetzen gedachte, derweil ein renommierter Verleger gefunden hatte, dessen höflich-steife Ungeduld meine Arbeit enorm befeuerte.
 

Inzwischen hatte ich meine Plaudereien mit dem FBI aufgenommen, das sich von mir Aufklärung über die Aktivitäten des Herrn von Papen versprach. Zu dessen Organisation konnte ich den wohlgekleideten, durch die Bank ausgesucht höflichen jungen Männern, ob der nahezu völligen Bedeutungslosigkeit der Aktivitäten von Papens, jedoch wenig eröffnen. Ein Umstand, der mich so verdross, dass ich, ohne die geringste Vermutung hinsichtlich der Codes zu haben, doch ganz auf die Beweglichkeit meines Geistes und meine Kombinationskraft vertrauend, den jungen Männern anbot, ihnen beim Entschlüsseln der chiffrierten Telegramme der Organisation Papen eine hilfreiche Hand zu leihen. Als man mir drei Fernschreiben des späteren Reichskanzlers vorlegte, machte ich dem FBI den Vorschlag, mir ein Büro beim zuständigen Beamten einzurichten, um in Ruhe arbeiten zu können, da die Schreie der Opium-Süchtigen, die im Raimond Street-Gefängnis Tag und Nacht um ihre Droge flehten, mich ein wenig in meiner Konzentration beeinträchtigten. Dies Ersuchen wurde nicht abschlägig beschieden und bereits zwei Tage später hatte ich Deputy Marshall Johnson, der mich im Gefängnis abholte und ins Büro brachte, für mich gewonnen, indem ich ihn von den Unterstützungsgeldern, die mir aus den Kreisen aktiver Deutsch-Amerikaner zugeflossen waren, auf dem Weg zu meiner Arbeitsstätte zu einem festlichen Frühstück einlud. Danach machte ich mich mit Feuereifer an die Dechiffrierung der Codes, wobei ich die von mir selbst entwickelte hieroglyphisch-kritische Methode des assoziativen Trance-Schreibens anwandte, die die Surrealisten Jahre später unter dem Namen der „Écriture automatique“ berühmt machten, zu deren geistiger Vaterschaft ich mich jedoch hiermit bekenne. Mein eine Unzahl von Bleistiften spitzender und Unmengen von Papier verbrauchender Eifer machte Eindruck auf die Beamten und bald verkehrte nicht nur Johnson, sondern auch seine Kollegen auf so freundschaftlichem Fuße mit mir, dass wir uns bereits wenige Tage später nach Dienstschluss regelmäßig für zunächst kurze, dann immer ausgedehntere, da von mir in kollegialer Weise pekuniär unterstützte Abstecher in einem ortsnahen Freudenhaus versammelten, sodass wir oft erst nach Mitternacht wieder im Gefängnis anlangten. Wie die Beamten sprach ich sowohl dem Champagner wie den Damen eifrig zu. Besonders der rothaarigen Mabel, deren nahezu durchsichtige Haut meine Sinne berückte und deren Herz ich durch meine Geschichte, zugegebenermaßen aber auch durch kleine Liebes-Gaben außerhalb des verabredeten Preises, besonders durch Geschmeide, für mich einzunehmen verstand. So war sie, geradezu physisch gerüttelt von Sorge um mich, bald nicht mehr davon abzubringen, mir bei meiner Flucht dienstbereit zur Hand zu gehen.

Aus: Complicius Complicissimus (Hörbuch), EDITION ABEL, 2020

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