Fixpoetry

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Text des Tages

ADERNDRAHT

Dieses träumt mir: Finger hat das Tier.
Es liegt seitlich, ich seh’ seinen Rücken,
der Kopf nach vorn geneigt, als wär’ es
scheu, es schwingt ihn rhythmisch, leise.
Mit mechanisch leeren Griffen wühlt es
in einem frischen Riss, seine Finger fahren
achtsam durchs Gewebe, suchen Adern.
Eine nach der andern zieht es aus, so sind sie leichter zu halten –
feine Adern, aber kräftig, wie Drähte in einer Stromschaltung –
man kann sie nur mit Mühe zerreißen, einzeln, nacheinander.
Das Tier schafft lautlos, reglos fast, legt langsam
und bedacht den Puls zum Herzen lahm,
das ächzend zufällt, wie beim Tier der Vorhang der Pupille.
Drumherum der Raum ist leer, mit eine Sickerpfütze Blut
gefüllt, über die es nicht mehr herrschen kann noch will.
Der Mantel seiner Haut ist auf’s Skelett gestreckt, ein
schlaffes Zelt im Frühjahrswind, davor liegen, wie
hingeworfenes Gepäck, gestrandete Organe.
Das Tier schnappt Luft (der Körper ist Maschine), es horcht,
es schrumpft, versumpft, streckt lautlos seine Finger von sich
und erstarrt dann im Triumph.
 

(übersetzt von Uljana Wolf und Urška P. Černe)

Aus: ab und zu neigungen, Hg.: Johanna Öttl
Übers. aus d. Slow.: Urška P. Černe, Uljana Wolf, hochroth Wien 2015

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