Fixpoetry

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Text des Tages

Orthokratie

Den Vogel abzuschießen habe ich früh gelernt. Ich war noch keine zehn Jahre alt und brauchte dafür kein Gewehr. Aber es war keine Ehre dabei. Die Vögel fielen herunter und wurden vom schwarzen Einband meines Deutschhefts begraben. Darin lagen Diktate, in denen die Fehler sich bald zu Feldherren und Diktatoren mauserten und das, was Recht geschrieben war, bedrohten. Hörig nur dem Kinderohr, das seine eigenen Regeln weitergab an die kleine Hand, die im Verlauf der Zeilen immer kleiner wurde. Wer wollte hier Unrat von Unrecht unterscheiden? Der Unterricht danach blieb Nacht. Hier herrschte eine Eule, die noch jede Feder las. Mit den Fehlern hielt sie eine Fehde, die ein Blutbad hinterließ. Die schönen falschen Wörter – das Mamor, der Maßt, die Maschiene – lagen massenweise massakriert auf den Seiten. An den Rändern stand eine Armee feuerrot Spalier und drohte: R und R und immer wieder R. Ein Buchstabe, der sich mir wie eine Schlinge um den Hals legte, die immer enger wurde. In seiner konsonantischen Kleinlichkeit konspirierte das R mit der Eule, sie sprachen kongenial das Urteil über mich: Mangelhaft! Mein Heft, ein toter Vogel, lag vor mir aufgeschlagen und erwürgt auf dem Tisch. Aber ich wollte die Schuld daran nicht haben, zumal mir der Name der Eule, meines Lehrers Dr. Schütz, verdächtig war.

Aus: Bastian Schneider, Vom Winterschlaf der Zugvögel, Sonderzahl 2016

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