Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Baum der Wünsche

Sie wollten mich zum Baum der Wünsche küren,
damit sie zu mir kommen können,
Stofffetzen in meine Zweige binden und um Erfüllung ihrer Wünsche bitten.

Sie brauchten einen solchen Ort,
zu dem man diese Fetzen bringt und dann mit Hoffnung wiederkehrt,
einen Ort,
den man mit einem Taschentuch markiert, einem Kopftuch, einem Stoffgürtel
oder den Resten eines zerrissenen Hemdes,
und der für immer die Erinnerung bewahrt.

Sie brauchten ein gehorsam stummes Wesen,
das ihre ehrlichen und bösen Wünsche, ihre Träume, ihre Pläne
anhörte und auf sich nahm.
Und das nicht sagen würde,
„ich bin müde“, „ich hab’s satt“ und „steh mir bei“,

und deshalb sind sie jetzt zum Baum gegangen,
damit sie von der Erde nehmen, was der Himmel ihnen wehrt,
das er nicht hört und ohne Antwort lässt.

Allerdings kann ich mich schütteln
und die Wünsche, die sie um mich wickeln, von mir reißen, Stück für Stück.
Ich kann mich drehen, ich kann gehen
und schreien kann ich auch.

Warum soll denn gerade ich der Wunschbaum sein,
dass ich die Wünsche Anderer empfange und sie weiter in die Wurzeln leite,
dann bin ich eines Tages ganz in Fetzen eingehüllt
und kann nicht bloß den Stamm, kann auch die Äste und die Blätter nicht mehr rühren
und gleiche einem trockenen Heuhaufen,
wie er im Herbst auf einer Wiese liegt.

Sie wollten mich zum Baum der Wünsche küren,
aber schaut genauer hin, meine eigenen Wünsche treiben ja schon Knospen
und ich werde bald in Blüte stehen. 

 

Nachdichtung von Norbert Hummelt

Aus: Barfuß, Wunderhorn Verlag, Heidelberg, 2018.

Mehr Bilder und Texte