Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Der Nagel

Als ich zum dritten Mal in einem Monat meine Koffer packte
und die Zugfahrkarte löste,
sagte ich aus lauter Angst zu mir,
„Gott, wo ist nur mein Zuhause!“

„Aber wo ist es denn nun, mein Zuhause?“
Lauthals stell ich jedem diese Frage,
ausgestreut in Ländern und in Städten
ziehe ich von Tür zu Tür,
mittellose Pilgerin,
die nur auf den Weg fixiert ist.
„Wo dein Schreibtisch steht,
ist dein Zuhause“, teilt mir eine Freundin mit,
und ich sehe sie vor mir, wie sie aufgerichtet neben ihrem Schreibtisch steht.
„Wo dein Bett steht“, sagt mein Freund zu mir,
„wo wir uns mit den Herzen wärmen
und es schön ist, aufzuwachen.“
„Wo immer jemand auf dich wartet, dort ist dein Zuhause“,
lacht mein Sohn, der jetzt Student
und drauf und dran ist, ganz weit weg zu ziehen.

Meine Mutter aber hat den Fernseher laufen
und ihr Atemrhythmus folgt den Schritten, die sie von der Treppe hört.
Einst war ihre Wohnung voller Kinder,
jetzt ist sie voll mit starren Steinen, die nur immer Leere meinen,
und hinterm Schrank schaut nicht mal eine Maus hervor.

Und ich ziehe zwischen Berg und See
und ich suche mein Zuhause,
einen Ort, um einen Nagel einzuschlagen, meinen Mantel dranzuhängen,
und keiner zieht ihn wieder raus,
und keiner wagte mir zu sagen: „Das gehört sich hier nicht!“,
oder: „Tu das ja nie wieder!“

Nachdichtung von Norbert Hummelt

 

 

 

Aus: Barfuß, Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2018

Mehr Bilder und Texte