Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Foto: (c) Natela Grigalashvili
Nachdichtung von Norbert Hummelt
 

Manna-Brei*

Die grüne Eisenbahn fuhr im Kreis durchs Zimmer,
und wir drei Kinder warteten immer,
dass sie laut tutend den Bahnhof erreichte.
Mutter meinte, der Lärm macht sie krank,
und sie verabreichte uns dabei
noch je zwei Löffel Manna-Brei.
Weigerten wir uns, den Brei zu schlucken,
würde sie uns den Strom abdrehen
und mit den Gleisen in den Keller gehen.

Dieser klebrige und süße Brei
war die Strafe unserer Kindheit.
Einen Löffel noch für Vater, einen für die Großmutter,
einen für die grüne Eisenbahn –
gurgelt es in meinem Hals mein Leben lang
und erinnert mich daran,
dass ich wortlos schlucken muss,
wenn ich nicht allein sein möchte,
und wenn ich verhindern will, dass man nimmt, versteckt, zerstört,
was ich mag, was mir gehört.
So ist es nun mal festgeschrieben,
Generationen wuchsen damit auf
und haben es für recht befunden.
Und ich muss es auch erdulden,
muss die Augen schließen, mich verstellen und mich freuen:
Ich bin kein armes Waisenkind und habe Brei.
Ich gehöre zur Gemeinschaft,
habe wortlos daran teil.
Andernfalls wird man mich strafen,
wird mich nicht mehr gerne haben,
wird verstecken, nehmen und zerstören, Dinge, die ich mag, die mir gehören,
wie die grüne Eisenbahn.
Laut tutend kam sie an dem Bahnhof an.

*Grießbrei für Kinder in der Sowjetunion.

***

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