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Text des Tages

Selbstgericht

Ich habe mit getötet
Jeden, der draußen fällt.
Ich habe mich selbst inmitten
Des Meeres von Blut gestellt.
 
Mein Wille hat nicht zerbrochen
Kanone und Panzer und Schiff,
Hat nicht als ruhlose Welle
Ueberbrandet der Bosheit Riff.
 
Ich habe mich müd´ und träge
Dem Willen der Menge geneigt,
Ob auch ein helles Glühen
Den Weg mir zum Leben gezeigt.
 
Meiner Seele auflodernde Flamme
Hab´ ich feig bedeckt und gedämpft.
Ich habe nicht Stunde um Stunde
Für Wahrheit und Geist gekämpft,
 
Habe schweigend Unrecht ertragen
Und schweigend Unrecht getan,
Habe keinen Felsblock geschleudert
Gegen Mammons Kraft und Wahn.
 
Ich habe des Weibes Wissen
Aus Scheu vor der Mannmacht erstickt,
Meine blanken, geweihten Schwerter
Verborgen und nicht gezückt.
 
Da haben plötzlich die Schwerter
Sich eignes Leben errafft
Und würgen in Höhlen und Sümpfen
Meines Bruders Geist und Kraft.
 
So hab´ ich aus Leib und Seele
Den Moloch Vernichtung gezeugt
Mit dir und dir und euch Allen,
Die gleich mir sich schlafselig gebeugt.
 
Wir haben mit getötet
Jeden, der draußen fällt.
Wir haben uns selbst inmitten
Des Meeres von Blut gestellt.

Aus: Stimmen. Gedichte. Steegemann, Hannover 1919

 

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