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Text des Tages

aalkönig (evolution der fische)

                                    mit Francesca Woodman (eel series, 1977/78)

 

1
stell dir vor, der aal sei gewandert
all die stufen zur wohnung hinauf gewandert
träger der seele eines verzauberten königs.
habe sich dort eingerollt, wie ein abschleppseil

und sie – aalpriesterin, aalkönigin – habe 
sogleich den aalzauber angewandt, unter
dem silbergelatineauge der kamera.
stell dir vor, er sei ihr gefolgt, zufalls-

bekanntschaft vom fischmarkt, mit artenschwund
schlechtem gewissen, gewässern, knallblau verfärbt
bei regen, einer von fünfzehn mythischen schatten

                        die weiterwandern, in der hirnschalen-
                        runden dämmerung, über den feuchten rasen
                        der gärten dort, viele, bräunliche schatten

und einer, der die ofenrohrfarbe abstreift
aufleuchtet, auf den zehntausend asteroiden
ihres terrazzofußbodens, glänzend metall
oder angelaufenes silber, als schmelze er in fettes licht.

2
er bewegt sich nur wenig, noch atmet er
mit der haut. ihre arme, der rücken, ahmen die rundung
der schüssel nach, nähern sich an, scheinen
gleichzeitig zu verschwinden, ein wechselstrom

kleine fünkchen, vor abscheu sich krümmend
neugierig zugewandt, ihr körper, wie marmor
umkreist die beute. in innigkeit kippelndes fremdeln
skrupellos, aalvergessen. schaudern, hellwach.

draußen kommen die sex pistols auf
und david hamiltons nymphchen sind in. drinnen
beschwörung von körpergeistern, body minds

                        eine ist wolke, fragment, schon wieder verflüchtigt 
                        um ihren fang; der andere, könig, sterbend
                        ahnung von brackwasser auf der haut, sucht das meer

das irgendwo hinter der gartentür beginnt.
fernes ziehen der sargassosee.
das liebesleben dieser art ist (wie ihres)
noch nicht vollständig geklärt, ja, ein unlösbares puzzle. 

3
der aal, eben noch flach aufgerollt
lakritzschneckenartig, richtet sich auf, wird
spirale, trichter
in dessen windungen kleine betrachter 

wie über vitrinen hängen. andenken
schnipsel, fallen hinein. das shooting 
die fischbestände, der punk.  
zwei körperintelligenzen, aal und 

priesterin, die nochmal leuchten im römischen 
licht – in dem so vieles unsterblich aussieht
keine von beiden wird ihre reise beenden.        

                               traum diesseits der fotos: wassereruption.
                               ein strom voll starker, lebendiger fische
                               schießt aus gelb getrockneter erde

das wasser kristallklar, umwirbelt aale, makrelen.                    
sie ist anwesend in der szene – als baum
ihre kamera, kleine stillgelegte fabrik
liegt da und ist meine augen –

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