Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Bevor ich verschwand,
wie die Milbe,
die im Sog der Saugkraft
den Weg ins Saugrohr
der Gerätschaft fand;
bevor ich verstummte –
und kein Wort mehr,
keine gereimte Silbe
über die Belange
der Milbe verlor,
saß ich abseits der Menge,
fern dem Gedränge
im Teppichflor –
und las DIE GESÄNGE
DES MALDOROR.
»Auf meinem Nacken wächst
wie auf einem Misthaufen
ein gewaltiger Pilz
mit Dolden tragenden Stengeln.
Ich sitze auf einem
unförmigen Möbel
und habe meine Glieder
seit vier Jahrhunderten
nicht mehr bewegt.«
Die Zeilen noch lesend,
halb dösend, schon träumte,
ich würde schlafen,
als beim Versuch,
mir ins Bein zu kneifen,
mein Arm erlahmte –
das Blut aus den müden
Fingern wich,
welche milchig weiß,
gleich Fliegenmaden,
an den schlingernden
wirren Fäden zogen,
den Saugdingern,
Schlieren und Schlaufen
der Fanghyphen zupften,
Sporenschwaden emporstiegen,
winzige Springschwänze
aus dem Fadendickicht
mir in Scharen
gelenkig entgegen hüpften,
auf der Flucht
vor räuberischen Karnivoren
Nacht für Nacht mit ihren
zweizinkigen Sprunggabeln
Sporenträger köpften;
Pseudoskorpione auf Psocidenfang –
und deren Jäger, die Stinkwanzen,
verfolgt von pelzigen Arachniden,
dem Pilzgeflecht entschlüpften,
das schlingpflanzenartig
die selbstklebenden
Spinnweben durchdrang,
mit Resten von Lebendfutter
zu amöboid-wabernden
pelzigen Schlieren verschmolz,
mein Handgelenk eng umschlang,
wund rieb – schlimmer:
wie ein Rankenfüßer*
daraus Nahrung sog –
und Wurzeln trieb,
die Schlinge immer
enger zog,
bis die Finger taub,
und ich nun weder
die Glieder zu strecken,
um die Spinnweben
von den Buchstaben
abzustreifen,
noch zu greifen –
und die Dichte
der invasiven Hyphen
zu verringern vermochte,
die zwischen welken Fingern –
wie Serifen – aus den Balken
der Lettern sprießend,
seit Jahrhunderten
am Umblättern
der Seite
mich hinderten.

 

*) Sacculina carcini: […] Wie der Parasit / aus einem Häufchen, / dem Wirtstier / injizierter Zellen reifend, / sein Unwesen, / sprich: Wurzeln treibt, / sich neu erschaffend / einschreibt / in den Wirtsleib, / erregt Bewunderung, / in die sich Abscheu mischt. / Nichts verstört mehr / als ein Tier, das sich verzweigt / wie eine Pflanze.

Aus: Aus Mangel an Beweisen, Deutsche Lyrik 2008-2018, herausgegeben von Michael Braun & Hans Thill, Seite 144 |  Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018

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