Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

wie die Wörter auftauen

                        aus ihren Winterquartieren, in denen sie
Jahrzehnte geschlafen haben, tief im Berg, heißt es, oder
von manchen: seit Anbeginn der Zeit, wie die Wörter

                        in ihren Tiefkühlbeuteln wieder zu atmen
beginnen, Trost atmen sie, hasenrein atmen sie, sobald die
Frostfahrer sie ausliefern an die letzten Häuser im
Wendehammer, wo die Edelstahlspülen wohnen, in denen
sie rosig

                        zitternd aus den Alupackungen schlüpfen und
sich wieder an die Kaninchenställe erinnern, strohwarm,
und wie der Volkssturmjunge sie streichelte, als er noch
Hände hatte und sie hatten noch Fell, wie die Wörter

                        mit den rosigen Nasen zu zucken beginnen, ist
das hier noch Heimat, das Ceranfeld, die Mikrowelle, und
wer soll das wieder sagen dürfen, Land unserer Väter,
schuldenfrei, unter Schutzatmosphäre verpackt, wie

                        sie lauter und lauter werden, mit den Läufen
gegen die Ablaufrinne trommeln, Blut im Boden,
Siedlungsraum, und das Gedicht will bloß flüstern:

                        Gefrierbrand, Kaninchensprache

Erstveröffentlichung
In: Aus Mangel an Beweisen, Deutsche Lyrik 2008-2018, herausgegeben von Michael Braun & Hans Thill, Seite 211 | Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018

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