Fixpoetry

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Text des Tages

die macht des ortes

kennst du einen ort,
an dem verstummt ein jedes wort,
weil alles gesagt, was gesagt werden muss
weil, schluss
endlich alles stimmt.
ein ort der dir ist gesinnt,
der dir platz bietet,
nicht ver-, nein – an- und gebietet
innezuhalten,
an dem du sagst: hier will ich sein, hier will ich bleiben.
nicht hier will ich gewesen sein.
wie das wort,
so hat auch ein jeder ort,
eine grammatik, bedeutungsinhalt,
den ich interpretieren, verstehen, sprechen, mir einprägen will,
zeit steht still,
und ich zücke meinen stift,
paare wort und ort,
in meinem notizbuch und konserviere auf diese weise,
wandele haufenweise
ein- in ausdruck.
und der ort ist erfüllt von dingen,
die auf alle sinne eindringen.
gerüche steigen in der nase auf,
schleichen sich in deinen kopf hinauf,
werden dort extrahiert, abgefüllt und etikettiert,
flakon für flakon steht auf abruf bereit,
zu jeder zeit
eine spritzer erinnerung zu versprühen.
deine kopfkamera klickt,
macht abzüge ohne zahlen,
panorama, detail, totale, momentaufnahmen.
erstellt ein album, seitenlang.
unterlegt sind die bilder mit klang -
vollen melodien,
du kennst einen jeden ton,
klopfen, knistern, knacken, knarzen,
komposition des ortsorchesters.
dinge führen dialoge,
eröffnen dir ungefragt,
hintergründe.
spielen kopfkinofilme ab: du siehst streifen, für streifen erlebnisse,
sie sind ergebnisse, der rechnung von
lachen plus freude mal trauer hoch gefühl,
und der wurzel aus begegnung,
zwischen mir, dir, ihm, ihr, uns, ihnen
lange vor uns, in einer anderen zeit,
sind wir hier doch vereint,
mit allem was war,
sind teil der schar,
des jetzt, des gewesenen,  
und dessen was noch sein wird.
reihen uns ein, in die ortsgeschichte,
setzen unsere pinselstriche in das lokalkolorit
nehmen platz am aufbewahrungsort,
der verwahrt während zeit vergeht.
du verortest dich,
packst navigationsgerät und kompass ein,
die wildzuckende, sich um sich drehende nadel steht still,
kein ton der schrill
verkündet: bitte wenden sie.
und alle momente und schönen ideen,
die du auf den boden dieses ortes sähst,
wachsen, gedeihen und verwurzeln in dir.
du bist d’accord mit der welt,
obwohl sie nicht ist wie sie dir gefällt
und wiede wiede du sie dir machen wolltest.
bist einverstanden, weil wenigstens jetzt – hier an diesem ort, alles an seinem platz ist und so ist wie sein soll.
mehr erwartet man gerade nicht.
dort, wo du deinen platz gefunden hast,
gönnst dir ruhe, rast
vom kommen und gehen,
du bleibst, schlägst zeltlager auf,
klopfst heringe in den boden,
die so eben aus dem gedankenbecken gefischt hast.
der raum steht im einklang mit der zeit,
und du bittest sie um verweilen,
und sie gewährt die bitte,
jedoch nur kurz um dann direkt weiter zu eilen,
und du lässt dich von ihr mitziehen,
widerwillen, hast jedoch nicht genügend widerstandskraft,
zu schwer ist die last,
des zwanges weiterzugehen – muss ja.
und so sinnst du über das abschiedswort,
das du an diesen, deinen ort,
richten möchtest, kein tschüss, kein adieu, machs gut,
entscheidest dich für: auf wiedersehen,
die wortwahl spendet dir kraft aufzustehen,
dich vorzubereiten zum aufbruch,
der ja rückkehr nicht ausschließt.
und während du deine koffer packst,
heringe herausziehst, schlafsäcke mühsam einrollst,
und einen letzten schluck nimmst um dich für die weiterreise zu stärken, merkst du, dass in deinen trank ein paar tropfen wehmut eingeträufelt wurden,
diesem bittersüßen teufelszeug, dessen geschmack irgendwie allem schönen beigemischt ist.

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