Fixpoetry

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Text des Tages

Papiere

Ein Windstoß knallte die Badezimmertür und riss Sanja aus unruhigem, traumschweren Halbschlaf. Alle Fenster waren auf Durchzug gestellt, doch hatte es wohl nur zum Knallen gereicht, denn kein Lüftchen war zu spüren. Ein klebriger Film überzog Sanjas Haut, sie trug nur einen Slip, der an den Rändern, dort wo der Stoff in die Haut überging, vom Schweiß dunkel verfärbt war. Die Sonne warf ein Parallelogramm auf das helle Laminat und zäunte die Kleiderberge, die darin lagen, ein. Sanja lag auf dem Bauch, das rechte Bein angewinkelt und hielt die Augen noch geschlossen. Neben ihr summte etwas, es musste eine Wespe sein, denn Bienen, die hatte sie schon lang nicht mehr hier gesehen. Seit Wochen schon brannte die Hitze die Stadt aus. Die Sonne hatte ihr Gesicht gewandelt, rief sie anfänglich noch strahlend: Komm raus, ich bin hell, ich strahle; waren diese Lockrufe in Hetzparolen übergegangen, die die Leute in ihre verdunkelten Wohnungen oder an den See jagten, doch musste man da auch erstmal hinkommen. Mit der U-Bahn wollte sie nicht fahren, nicht schon wieder zweineunzig für ein Ticket ausgeben und Schwarzfahren fühlte sich in der Helle eines Sonntagnachmittags irgendwie zu dunkel an. Und mit dem Rad? Das hatte seit zwei Wochen `nen Platten, weil sie am Kotti über eine Glasscherbe gefahren war. War ihr nun schon zum zweiten Mal passiert. Keine Ahnung warum Peter Fox durch Kotze am Kotti stampfte, Scherben lagen da viel mehr, wahrscheinlich wollte er einfach nur die Alliteration. Bei dem Gedanken an das Fahrrad dachte sie an Djamal und merkte, wie es in ihrem Bauch heiß wurde, so als hätte jemand das Wachs einer brennenden Kerze in ihre Eingeweide gegossen, wo es nun zähflüssig runter lief und langsam verhärtete. Djamal. Sie hatte ihn gebeten das Rad zu reparieren. Natürlich hatte Djamal kein Problem gesagt. Klar, kein Problem. Wenn man sich um nichts scherte, dann war eben gar nix ein Problem. Sanja öffnete langsam die Augen. Blinzelnd blickte sie auf das rotleuchtende Ziffernblatt des Radioweckers, der neben ihr stand: SOS. Als Djamal vor zwei Jahren nach seinen ersten Deutschstunden nach Hause gekommen war und bis zwölf zählen konnte, hatte sie den Wecker auf amerikanische Zeitanzeige eingestellt. Ein kleiner Versuch, es Djamal ein wenig einfacher zu machen und das Gefühl der fehlenden Worte und der Fremde zu nehmen. Damals waren sie beide noch überzeugt, dass Djamal es hier schaffen könnte. Damals wusste sie noch nicht, dass Papier, Sprache und die Farbe der Haut unüberwindbar sein würden. Damals waren sie naiv. Fünf Doppelpunkt Null Fünf, 5:05, SOS. Sanja starte so lange auf den blinkenden Doppelpunkt, der die Stunden von den Minuten trennte, bis die Uhrzeit umsprang, kein SOS, aber ein SOG. Fuck. Benebelt fuhr Sanja sich durch das Gesicht und ekelte sich selbst vor dem eigenen Geruch, der beim Heben des Armes unter ihren Achselhöhlen hervorkam. Schwerfällig stand sie auf und ging in die Küche, Flecken von Tomatensoße waren auf dem Herd, Essensreste, Geschirrstapel. Sie wollte eine rauchen. Sie griff Tabak und Papers, konnte aber das Feuer nicht finden. Verdammt. Die Wut stieg wieder in ihr hoch. Warum konnte er diese drei Sachen nicht einfach mal beisammen liegen lassen? Jetzt das Feuer, gestern der Tabak und die Papiere fehlten ohnehin immer. Warum musste sie immer alles zusammenhalten? Sie ging auf den Balkon, auf der Fensterbank lag eine Schachtel Streichholz. Sanja zitterte, als sie das Zündholz über die Reibefläche strich. Erst beim dritten Versuch entzündete es, es roch nach Schwefel. Sie nahm einen tiefen Zug. Eine leere Bierflasche fiel um, das Glas klirrte durch die Straße ein Hund bellte zurück. Hier war es ihr zu heiß. Die Zigarette im Mundwinkel ging sie wieder nach drinnen, wo sie sich auf die Couch fallen ließ. Schon wieder wurde ihr schwindelig, fast schwarz vor Augen. Die Zigarette schmeckte nicht, sie drückte sie aus und legte sich zurück, um an die Decke zu starren. Diese verdammte Hitze. Ihr Kreislauf machte das irgendwie nicht mit. Der Geruch nach Kippen und kaltem Rauch aus dem Aschenbecher ließ Übelkeit in ihr aufsteigen. Sanja rannte ins Bad und übergab einen roten Strahl in die Schüssel. Sie musste an Peter Fox denken.

Seit Tagen ging das jetzt so. Sanja konnte sich zu nichts aufraffen, ihr fehlte die Kraft. Von der Ecke herab tropfte die Einsamkeit und legte sich schwer über sie. Djamal war nicht da. Er war mal wieder unterwegs auf der Suche nach dem Glauben an ein gutes und gerechtes Leben, den er irgendwo zwischen Hasenheide und Colombiadamm verloren haben musste. Und weil er das, was er suchte, nicht fand, versuchte er die Leere in sich mit Dingen zu füllen, nach denen Sanja schon lange nicht mehr fragte. Sie ließ sich ein kaltes Bad ein, saß dabei auf dem Klodeckel. Das monotone Brausen des Wasserstrahls durchbrach die Stille des späten Nachmittags. In der Wanne schloss sie die Augen und ließ ihren Kopf in das Wasser gleiten. So still war es hier unten, nichts von außen drang an sie heran. So tief hörte Sanja in sich hinein, vernahm das Gluckern in ihrem Magen, das Rauschen des Blutes durch die Adern und das Pochen zweier Herzen.

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