Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

unerwartete liebeserklärung eines mastiffs auf torcello
ein kopf wie eine wassermelone mit flehenden augen ..

ich legte meine hand auf seine stirn und zog seine liebe heraus
aus seinem gewaltigen schädel, damit er nicht leidet

wenn ich gehe, wenn er allein zurückbleibt in der lagune
auf einer entlegenen insel, ein häufchen oliven bewachend.

da begann er zu sprechen: bitte bleib! oder lass deine hand hier
wenigstens das! da verstand ich: alles leid ist unlöschbar.

ich fuhr zurück nach san marco, an schwimmenden wiesen
vorbei und zerbrochenen festungen, ohne zu blicken.         

auf der piazza klebt stille: tauben liegen am boden
oder menschen, ein einziges grau, nur ein palast lächelt noch

im ewigen botox neogotischer bögen. vor der basilika
in einer pfütze flackert mein kopf auf, überraschend gewaltig

eine wassermelone mit flehenden augen und ich trete zurück
nur einen schritt .. in einem olivenhain in torcello

lege ich meine pfote auf meine stirn
und warte auf mich.

Aus: langsames ermatten im labyrinth. Venedig-Gedichte. Verlagshaus Berlin, Berlin 2019

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