Text des Tages

Leseprobe aus: Letzte Nächte in Boohemia (Romanauszug)

Wir hörten es, bevor wir es sehen konnten. Das nougatbraune Eichhörnchen sprang von Ast zu Ast, und mit einem weiteren Satz kündigte es sich beim Hinabsteigen durch leises Kratzen an der Hauswand an. Das Geräusch ging über in ein Trippeln, als prasselten Regentropfen auf die Metallschiene vor dem Fenster. Die Eichkatze, so sauber und rein war sonst nichts in Toms Welt, richtete sich demonstrativ auf, drehte ihm den kleinen Kopf zu, spielte flink mit ihren Knopfaugen, lispelte Unverständliches und kroch dann wieder herunter. Das war das Zeichen: Tom sollte Nüsse bereitlegen, schnell!

Meist kam sie in wenigen Minuten zurück.

Das ging schon seit Monaten so. Das Tier wurde von Woche zu Woche zutraulicher und frecher, kräftiger und dicker. Es war ein schönes mit weißem Bauch.

Beim Öffnen des Garagentors hörte man die Trommeln des Aufruhrs als Donnern über den Häusern des Viertels. Tausende kämpften für den Erhalt ihres Lebensraums und skandierten ihre Parole: Recht auf Stadt! Recht auf Stadt! Recht auf Stadt! Aber Tom hatte zu tun und konnte nicht mitdemonstrieren. Und ich hatte keine Lust. In diesem Jahr wurde Tom 50 und ich 23. Trotz seines hohen Alters hatte er sich eine jugendliche Frische bewahrt. Seine schwarzen Haare fielen über sein linkes Auge und gaben seinem Gesicht etwas Wildes. Er trug einen Zweitagebart, war schlank und seine Schultern eher schmal. Ich war mit meinen 1,76 Metern fast so groß wie er. Das Eichhörnchen wippte auf dem Zweig eines Baums, streckte den buschigen Schwanz dabei in die Höhe und zerkleinerte mit den Zähnen eine Nuss. Schwupp, schon raste es den Zweig hinunter und sprang auf einen anderen Ahornbaum.

Manchmal spielte das Eichhörnchen mit uns Verstecken. Vielleicht aus Angst, dass wir ihm zu nahe kamen? Es stand minutenlang abgewandt und erstarrt und tat, als werde es unsichtbar, wenn es nur genug ausharrte. Tom verbarg sich oft hinter einem Mauervorsprung in der Werkhalle und lugte vorsichtig hervor, wenn er es beobachten und mit dem Handy filmen wollte. Ich lag im Hochbett und betrachtete das Ganze aus der Entfernung. Mehr als seine Nasenspitze durfte auch von Tom kaum zu sehen gewesen sein ... trotzdem: Spürte das Eichhörnchen seine Nähe? Es flüchtete und kruschelte am Gemäuer herum. Es versteckte dort in den Spalten unter der Leiste zum Austritt seine Nüsse. Tom guckte nicht nach, er wollte nicht indiskret sein.

 

Aus: Ziegel 15 ·  Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017 · herausgegeben von Jürgen Abel · Antje Flemming ·Wolfgang Schömel · Dölling und Galitz Verlag Juni 2017

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