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DER QUADER

Es begann drei Wochen vor meinem sechzehnten Geburtstag. Meine Eltern, die es beruflich so hatten einrichten können, waren mit mir an die holländische Küste gefahren, wo wir die nächsten Monate in einem angemieteten Haus verbringen wollten. Der Bungalow lag etwas abseits des Dorfes, sehr ruhig und inmitten eines Gartens, der so stark von Unkraut überwachsen war, dass man die angepflanzten Blumen nicht mehr davon unterscheiden konnte. Hinter dem Garten begannen die Dünen, wo es noch wilder zuging: Kiefern, Eichengehölze und Dickichte aus Heckenrosen wucherten im wirren Durcheinander, verkrüppelt und krumm, weil der Wind ihnen keine Ruhe gönnte.

Wenige Tage nach unserer Ankunft brach ich zum ersten Mal zu einer Erkundungstour durch die Dünen auf. Diesen Ausflug wollte ich gern allein unternehmen, und ich merkte, dass dies meinem Vater nicht behagte. Meine Mutter legte ihm besänftigend eine Hand auf den Arm: Lass sie gehen, sagte die Hand. Man ließ mich oft, seit Die kleine Auszeit begonnen hatte. Die kleine Auszeit – das bedeutete so viel wie: mich zwei Monate vor dem Beginn der Sommerferien aus der Schule nehmen und mit mir an einen weit entfernten Ort fahren, an dem ich meine Ruhe hätte.

Eine kleine Auszeit von – was? Ich wusste es nicht. In meinem Leben gab es keine Krankheit, kein Problem mit Drogen oder Alkohol, weder Magersucht noch Missbrauch, es lag nichts vor, sah man davon ab, dass mich die Gesellschaft anderer Menschen ängstigte und ich meine Klassenkameraden mied. Ganz allein mit mir fühlte ich mich am wohlsten. Und wenn das meinen Eltern und Lehrern genügte, mir eine kleine Auszeit zu verordnen – nun, alles war mir lieber, als die Tage weiter zwischen den anderen Jugendlichen meines Alters zu verbringen, die trotz ihrer bunten Kleidung grau aussahen.

Während die Hand meiner Mutter noch auf dem Arm meines Vaters ruhte, brach ich also in die Dünen auf. Der Gedanke an eine einsame Wanderung durch eine einsame Gegend ängstigte mich überhaupt nicht, im Gegenteil, solche Streifzüge waren mir vertraut und ich liebte sie: lange Touren mit dem Rad, Muscheln sammeln am Strand, das stundenlange Auflesen von Kastanien und Eicheln in herbstlichen Wäldern – diese Dinge hatte ich immer allein getan.

Die Luft schmeckte nach Salz. Eine Weile folgte ich dem Schotterweg, der sich an buckeligen Eichenhecken und Büscheln von Strandhafer vorbeiwand, dann verließ ich den Pfad und lief abwechselnd über Sand und hartes Dünengras, bis mir ein Kiefernwäldchen die Sicht versperrte. Ich schlängelte mich zwischen den Bäumen mit der schorfigen Rinde hindurch, erreichte die andere Seite des Gehölzes – und blieb stehen.

Keine zehn Schritte von mir entfernt erhob sich mitten in den Dünen ein Zaun, doppelt so hoch wie ich, die Drahtbahnen dicht gezogen, der Draht selbst mit fingerlangen Stacheln bewehrt. Am Tor des Zauns leuchtete ein gelbes Schild.

Verboden toegang.

Ich würde gern das Gefühl beschreiben, das ich empfand, als ich Zaun, Tor und Schild zum ersten Mal sah. Aber so oft ich es auch versuche, es gelingt mir nicht, und vielleicht ist das so, weil sie in diesem Augenblick von einem Ort empor stiegen, der mit Worten nicht zu erreichen ist.

Das Gelände auf der anderen Seite des Zaunes war eine sanft gewellte Fläche aus Dünengras, durchschnitten von einem mit Muscheln bestreuten Pfad. Dieser Pfad führte zu einem Rosendickicht, das sich verschwommen gegen den Himmel abzeichnete, und verschwand darin. Das war alles.

Anfangs merkte ich gar nicht, dass ich mich wieder in Bewegung gesetzt hatte. Immer schneller ging ich an dem Zaun entlang. Das Gras raschelte unter meinen Füßen. Mein Haar flatterte, meine Brille rutschte mir ein Stück die Nase herunter, ich schob sie wieder hoch, dann begann ich zu laufen und schließlich zu rennen, während ich eine Stelle suchte, von der aus ich sehen konnte, was der Zaun eigentlich schützte, ein Haus, eine Fabrik, irgendetwas.

Erst, als ich das Tor wieder erreichte, hielt ich inne und schnappte nach Luft. Während sich mein Atem langsam beruhigte, betrachtete ich die von Rost gefleckte Klinke. Das braune Rot der Flecken sah alt und doch frisch und klar aus. Mein Blick wanderte weiter, zu dem Schild, dessen Worte sich mir geradezu schmerzhaft in die Augen bohrten.

Verboden toegang.

Warum empfand ich beim Anblick dieser Worte ein so starkes Unbehagen? Warum machte ich trotzdem einen Schritt auf das Tor zu und bemühte mich doch gleichzeitig, das Schild nicht anzusehen?   Behutsam drückte ich die Klinke herunter. Das Tor war verschlossen. Nichts anderes hatte ich erwartet.
(…)

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