Fixpoetry

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Text des Tages

Der Anhalter vor Ikea

Bei Ikea war Großkampftag. Vielleicht ein ganz normaler Vormittag dort und nur ich war nicht locker. Als ich nach über zwei Stunden rauskam und mit meiner Karre auf dem verschneiten Parkplatz das Auto suchte, stand mir unter meinen beiden Wollpullovern und der Daunenjacke trotz grimmiger Kälte der Schweiß auf dem Rücken. Ich schwor mir, diesen Laden nie wieder zu betreten. Gereizt wünschte ich die routinierten Stammkundinnen zum Teufel, die mir, schon zu dieser frühen Stunde geschminkt und auf spitzen Stiefeln balancierend, zwischen Bölle und Krölle mit ihren turmhoch bepackten Karren die Schienbeine blutig schrammten. Offenbar absolvierten sie diese wöchentliche Konsumrunde ausschließlich zur Unterhaltung ihrer Nachkommen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es bei denen zu Hause aussah, als ich mein Auto entdeckte. Es stand einige hundert Meter entfernt.

Ich wollte für meinen Vater nur mal eben eine Daunendecke kaufen, war dabei natürlich selbst in etliche Schnäppchenfallen getappt und überlegte nun, wie ich zwei Regale, Teppich, tonnenweise Kleinkram und schließlich das Plumeau – der Grund der Tour - in meinem Kleinwagen transportieren sollte.

- Packst du noch oder fährst du schon, fragte eine männliche Stimme hinter mir, während ich keuchend versuchte, ein verkantetes Regalpaket im Kofferraum zu drehen.

- Ich kämpfe noch, presste ich vorgebeugt heraus. Schräg hinter mir sah ich aus dem Augenwinkel ein Paar zertretene Halbschuhe in Übergröße. Ich schloss die Augen und redete mir zu: Bleib ganz ruhig, sag nein zu allem, was jetzt kommt. Meine Haare hingen mir wirr ins Gesicht, die Pullover kratzten.

- Was ist, fragte ich mürrisch, als ich aus dem Kofferraum auftauchte. Neben mir stand ein großer Junge mit einer randvollen blauen Ikea-Plastiktüte und rauchte.

- Kannst du mich nehmen, fährst du in der Stadt? Östlicher Akzent, rollendes R.

- Ja äh nein, knurrte ich. Ich wollte kein Gespräch, wollte nicht nachgeben und auf diesem Parkplatz auch niemanden nehmen.

- Da vorn fährt ein Bus, sagte ich und stieg in mein Auto. Ich wusste nicht, dass es noch Tramper gab, schon gar nicht mitten in der Großstadt. Warum fragte er nicht eine der niedlich zurechtgemachten Frauen mit Van und reichlich Platz für Möbel, Kinder und ausländische Anhalter?

- Nein, wiederholte ich, kein Platz, siehst du doch.

- Können wir vordere Sitz aufräumen, russelte er weiter.

- Nein sag ich doch, ich nehme niemanden mit!

- Warrrrum denn? Sein sirrendes R überrollte mich.

- Komm steig ein, aber lass die Kippe draußen.

Genau genommen war der Junge Anfang dreißig und ungefähr zwei Meter groß, bemerkte ich mit einem kritischen Seitenblick, als wir unsere blauen Tüten auf den Rücksitz warfen. Er hatte widerspenstige hellbraune Haare und eine trotzige Oberlippe, was ihn irgendwie wild aussehen ließ. Und er roch gut, trotz der Zigarette.

- Warum nimmst du nicht den Bus, wollte ich wissen und fuhr los, noch immer schlecht gelaunt.

- Ich dachte, können wir bisschen sprechen, gurgelte er.

Worüber, wollte ich fragen, aber ließ es.

- Ich heiße Sergej.

- Hi, grüßte ich.

- Und du?

Der wollte sich wirklich unterhalten!

- Wo willst du hin, fragte ich statt einer Antwort.

- Ist nicht wichtig, wie heißt du? beharrte er. Ich schwieg verbissen und überlegte, wie und wo ich ihn schnell loswerden konnte.

- Bist du Lehrerin? fragte er neugierig und zog ein Lehrbuch unter seinen riesigen Füßen hervor.

- Jaaa, aber wo willst du hin, verdammt???

- Warum du arbeitest nicht? Du hast Urlaub?

- Warum arbeitest du nicht? verbesserte ich.

- Meine Deutschkurs ist jetzt zu Ende. Ich habe Ferien. Ich warte auf nächste Kurse, antwortete er freundlich. Ich kaufe Kekse für Kaviar bei Ikea. Du kennst Kaviar?

- OK Sergej, startete ich einen neuen Abwehrversuch, atmete tief ein, um meine Stimme so streng wie möglich klingen zu lassen. Ich heiße Charlotte, ich bin Lehrerin, und ja, ich kenne Kaviar, aber bitte sag mir jetzt, wo du hin möchtest. Wo soll ich dich rauslassen?

- Kann ich rausgehen überall, ich nehme U-Bahn. Aber Charlotte, schöne Name! Ich möchte sprechen mit dir. Erzählst du mir von dir!

- Scheiße Sergej, es gibt nichts zu erzählen, wir sind hier nicht im Konversationszirkel! Wütend knallte ich meine Faust aufs Lenkrad und wusste nicht, warum ich weiterredete. Ich habe bei Ikea eingekauft. Ich muss meinem Vater eine Scheißbettdecke bringen, wozu ich nicht die geringste Lust habe. Ich bin genervt von dem Scheißladen, genervt von meinem Vater und genervt von dir. Was soll das blöde Spiel? Komm... Ich bremste abrupt in einer Bushaltebucht, um ihn aussteigen zu lassen. Er sah mich erschrocken aus grünen Augen an, öffnete aber langsam die Tür.

- Ich will nicht beleidigen, ich finde dich sehr nett, warum du bist so böse?

- Warum bist du so böse? korrigierte ich reflexhaft.

- Ich nicht bin böse, antwortete er ernst. Aber möchte ich wissen, was ich dir habe getan. Hast du Problem mit Papa? Er machte die Autotür wieder zu, als er mein Gesicht sah. Ziemlich schlauer Fuchs, dieser Sergej.

Der Besuch bei meinem Vater stand mir – wie immer –  bevor wie nichts Gutes, obwohl heute nur die Bettdeckenübergabe anstand. Ich deutete den horriblen Einkauf an diesem Morgen als Vorgeschmack auf das, was mich später erwarten würde, als Gartenpforte zur Hölle gewissermaßen.

Mein Vater war ein böser alter Mann. Von der Milde der späten Jahre ließ er nichts spüren, weder mich noch sonst jemanden. Er wurde mit zunehmendem Alter nur immer bitterer. Uns verband ausschließlich die Tatsache, dass ich sein einziges Kind und er ein alleinstehender Mann von 78 Jahren war. Sein Starrsinn, seine Ignoranz und die Absolutheit seiner Ansichten machten jede Auseinandersetzung, jedes Gespräch mit ihm unmöglich. Meine Meinung interessierte ihn nicht, selbst wenn ich ihn auf Mängel an seinem Äußeren hinwies, auf das er früher sehr bedacht gewesen war. Überkorrekt und konservativ hatte er stets und ständig weiße Hemden, Manschettenknöpfe und Krawatten getragen. Dieselben Sachen hatte er nach über dreißig Jahren noch immer an, einige kannte ich noch aus meiner Kindheit. Inzwischen aber war alles fadenscheinig, manches löcherig. Wahrscheinlich stammte auch seine Bettdecke noch aus dem Krieg und war voller Motten, vermutete ich. Allerdings hatte er mich nicht deshalb um eine neue gebeten, sondern weil ihn nachts fror. Ansonsten verteufelte er alles Neue, jede technische, politische oder persönliche Errungenschaft. Mit Vorliebe, wenn und dann auch nur, weil etwas von mir war. Ich schenkte ihm einen neuen Schal, weil seiner ihm in Einzelfäden um den Hals hing. Er aber trug den alten Wolllumpen auch weiterhin. Ich schlug vor, ihm einen neuen Mantel zu kaufen, weil der jetzige aufgetragen war. „Nein,“ giftete er, „es gibt ja heute doch nur Mist zu kaufen, das lohnt nicht mehr.“ So argumentierte er auch im Hinblick auf seine Zahnprothese, deren oberer Teil bei jedem Wort nach unten klappte. „Die passt zwar nicht mehr, aber eine neue will ich nicht. Die Zahnärzte haben ja heute doch alle keine Ahnung.“ Nicht nur sein Geiz gab für diese Haltung den Ausschlag, sondern früher war eben alles besser. Ich nahm mir vor, diesen Satz, den er wie ein Mantra bei jeder Gelegenheit von sich gab, in seinen Grabstein meißeln zu lassen, wenn es so weit war. Aber war eine neue Bettdecke ihm wichtiger als ein intaktes Gebiss? Plötzlich hatte ich Lust, ihn zu provozieren.

- Komm mit zu meinem Vater, rief ich Sergej zu und fuhr wieder los. Er sah mich halb fragend,  halb belustigt an und schwieg. Auf einmal schien er mir als Rettung bei diesem wie ein Damoklesschwert über mir hängenden Bettdeckenbesuch.

- Weißt du, er spinnt. Er ist nicht verrückt, weil er alt ist, sondern der ist wirklich irre, versuchte ich zu erklären.

Eigentlich rechnete ich damit, dass Sergej jetzt auf der Stelle aussteigen würde, einfach weil ich nun wollte, dass er mit mir kam. Aber er blieb in meinem Auto sitzen, lehnte sich entspannt zurück und fragte mich aus. Er hörte erfreut, dass ich Deutsch für Ausländer unterrichtete. Ich stellte fest, dass er ziemlich gut sprach dafür, dass er erst seit einem halben Jahr Deutschunterricht nahm, aber sagte es nicht. Auch erfuhr ich, dass er aus Moskau nach Deutschland gekommen war, um Kunst zu studieren.

- Ich möchte dich malen, sagte er.

- Später, antwortete ich zerstreut und fuhr in eine Parklücke. Wir sind da. Ich möchte, dass du mein kleines Spiel mitspielst. Versprich es, ja? forderte ich.

- Ist gut, sagte er mit zweifelndem Blick. Ich klemmte mir das Federbett unter den Arm und schob Sergej zum Haus. Der Türsummer brummte, aber es dauerte noch eine Minute, bis mein Vater endlich den Schlüssel in seiner Wohnungstür umdrehte. Genau in dem Moment, als er die Tür öffnete, küsste ich Sergej. Es kam ganz plötzlich über mich, aber es gefiel mir überraschend gut, und gleich darauf bemerkte ich auch die Überraschung in den aufgerissenen Augen von Sergej und meinem Vater.

- Das ist Sergej, sagte ich ohne Einleitung und schob ihn in die Wohnung, an dem alten Mann vorbei. Wir wollen nächste Woche heiraten, phantasierte ich.

Mein Vater war sprachlos, aber schaute blasiert und angeekelt auf Sergejs große Schuhe. Weil in der vollgekramten, mit Papieren, Büchern, Zeitungen, Briefen und Ausrissen zugepflasterten Küche nur ein einziger freier Stuhl stand, drückte ich Sergej darauf, setzte mich auf seinen Schoß und küsste ihn wieder. Es machte mir Spaß - das Küssen -, das Spiel mit meinem Vater war grotesk, und ich wusste es. Der stand wie festgenagelt in zerschlissenen Filzpantoffeln im Flur, drückte die knisternde, in Plastik verpackte Bettdecke an sich und starrte uns an.

- Wer sind Sie, wenn ich fragen darf, brachte er endlich nuschelnd heraus. Dabei schob sich seine obere Zahnprothese sofort über die Unterlippe. Er schnappte danach wie ein Fisch.

- Ich bin Sergej Makarow. Ich komme aus Moskau. Ich liebe Ihre Tochter, mein lieber Herr, antwortete Sergej artig und korrekt wie ein Musterschüler, wobei er Herr wie Cherrrr in der Kehle sprach. Sofort wollte ich ihn nochmals küssen, aber er redete weiter. Ich brauche Aufenthaltsgenehmigung und will cheiraten mit Ihre Tochter, damit ich kann studieren. Auch, ich chabe kein Geld.

In diesem Augenblick verliebte ich mich in ihn.

Blitzartig zog mein Leben an meinem inneren Auge vorbei. Das mein Vater trotz unserer seltenen Kontakte überschattet hatte wie eine alte Eiche. Wie er mich mit zwei, drei Sätzen immer wieder nieder gemetzelt und mein Selbstvertrauen Stück für Stück in den Boden getreten hatte. Er schmetterte meine kindlichen Ideen, meine Interessen ab, hielt alles für Blödsinn, was ich tat und ihm stolz zeigen wollte. Auf ebenso unqualifizierte Weise mischte er sich später in mein Studium ein, warf mit spitzen Fingern meine Seminarunterlagen quer durch den Raum und rief: „Genauso habe ich mir das vorgestellt: planlos und chaotisch! Das kann ja nichts werden!“ Manchmal brachte er bei Besuchen eine kleine gebogene Schere mit zu mir und verlangte, dass ich ihm damit seine wuchernden Nasenhaare schneiden sollte. Ich weigerte mich und schlug ihm stattdessen vor, seine garstigen, wildwüchsigen Augenbrauen zu stutzen, was er seinerseits ablehnte. An meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag trug ich ausnahmsweise und nur ihm zuliebe einen Rock zu Blazer und Strumpfhose, weil er natürlich auch an meinem Äußeren immer etwas auszusetzen hatte. Kurz bevor die Gäste kamen, sperrte ich mich versehentlich aus meiner Wohnung aus und musste akrobatisch durch ein offenes Fenster wieder reinklettern – das Aus für die Strumpfhose. Bei seiner Ankunft ein paar Minuten später sah mein Vater sofort die Laufmasche, nicht aber meine ungewohnt elegante Aufmachung und gratulierte: „Du siehst wieder aus wie eine Schlampe!“ Oft hatte er mir prophezeit, dass ich in der Gosse oder am Strick enden werde, so oft, dass ich manchmal selbst daran glaubte. Sein Hass auf die Welt färbte manchmal auch auf mich ab, obwohl ich dagegen ankämpfte. Durch treffsichere Verbalhiebe behielt mein Vater letztlich immer die Oberhand.

Meinen nächsten Kuss erwiderte Sergej endlich, während er mich auf seinen langen Beinen vorsichtig hin und her wiegte. Ein wenig besser noch als dieser Kuss gefiel mir, dass mein Vater nach wie vor in der Tür zu seiner verramschten Küche stand und sich die Bettdecke wie einen Schild vor den Bauch hielt. Sein Unterkiefer klappte hoch und runter, aber kein Wort kam über seine Lippen, nur ein leises Klicken seiner Zahnprothese. Zum ersten Mal fühlte ich mich ihm gegenüber als Gewinnerin. Ich küsste Sergej noch einmal und zog ihn mit mir raus auf die Straße. Es hatte wieder zu schneien begonnen.

Aus: Ziegel 15 ·  Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017 · herausgegeben von Jürgen Abel · Antje Flemming ·Wolfgang Schömel · Dölling und Galitz Verlag Juni 2017

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