Fixpoetry

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Text des Tages

Auszug aus: Am Teich

Am Teich bin ich allein. Das Wasser glitzert in der Sonne und wenn sich das Schilf im Wind bewegt, zieht ein Vorhang heller Lichter durch die Luft. Kleine Wellen laufen über die Wasseroberfläche. Im Schatten ist das Wasser tief und dunkel und schwer, doch wenn man genau hinsieht, kann man am Boden des Teiches Äste erkennen und Laub, das schon ganz braun ist und matschig, und direkt an der Uferböschung liegt auch eine Flasche im Wasser, sie ist auch braun und voller Algen und sie ist mir unheimlich. Ich stelle mir vor, dass vielleicht ein Geist in der Flasche ist, und der käme heraus, wenn ich die Flasche aus dem Wasser holte, er wäre riesig und verstellte den Himmel und vor allem wäre er zornig, wie die Geister in Tausendundeiner Nacht. Und wie in Tausendundeiner Nacht würde ich ihm sagen, dass ich nicht glauben könne, dass er in die Flasche gepasst hätte, und dann würde er wieder hineinschlüpfen und ich könnte die Flasche schnell zurück ins Wasser werfen. Aber besser wäre es, sie gleich dort liegen zu lassen und in Sicherheit zu sein, und überhaupt sollte ich künftig einen Bogen um die Flasche machen und am besten auch gleich um den Teich. Ich gehe aber doch immer wieder hin. Und auch die Flasche muss ich immer wieder ansehen. Und dann muss ich auch daran denken, sie vielleicht herauszuholen.

Die Sonne ist warm und hell und gleißend. Ich kneife die Augen zu Schlitzen zusammen, bis es flimmert. Wenn ich sie wieder öffne, flimmert es noch mehr; ich kann nichts sehen, weil alles voller heller Blitze ist, und meine Beine sind ganz zittrig. Als käme ich von weither, von einem anderen Stern oder aus einem anderen Leben oder aus einer anderen Zeit.

Immer wieder muss ich in die Sonne sehen und es vor den Augen blitzen lassen, obwohl wir das nicht tun sollen, weil es nicht gut für die Augen ist und weil man blind werden kann, aber ich mache es trotzdem. Wenn ich wieder weg sehe, flimmert es vor den Augen, ich bin wacklig auf den Beinen und das ist gruslig und aufregend zugleich. Ich halte mir erst das eine Auge zu und dann das andere und sehe dabei meine Beine an oder einen Grashalm und jedes Mal bin ich doch nicht blind geworden, obwohl ich jetzt richtig Angst bekommen habe.

 

Aus: Ziegel 15 ·  Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017 · herausgegeben von Jürgen Abel · Antje Flemming ·Wolfgang Schömel · Dölling und Galitz Verlag Juni 2017

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