Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

von einem Esel träumen, einem Esel, der vor meinem Fenster auf einer Wiese steht und frisst und hin und her geht, sich an einem Baum schabt und sich im Sand wälzt und dann wieder aufsteht und sich schüttelt, so dass er für einen Moment in einer Staubwolke verschwindet, bis der Staub sich wieder legt und er weitergeht und weiterfrisst und natürlich auch trinkt und verdaut und sich kratzt und den Kopf schüttelt und döst und am Zaun nagt und im Wesentlichen aber auf der Weide steht und Esel ist, mit dichtem struppigem Fell, einem riesenhaften Kopf mit großen Ohren und dunklen blanken Augen, in denen ich mich selbst erkennen kann, wenn ich vor ihm stehe und versuche ihn zu streicheln, wenn ich ihn zwischen den Ohren kraule und ihm eine Karotte hinhalte oder einen Apfel, und natürlich müssen es mindestens zwei Esel sein oder ein Esel und ein Pferd oder eine Kuh oder mindestens ein Schaf oder eine Ziege, jedenfalls sollte er nicht allein auf der Weide stehen und sich einsam fühlen und langweilen, zumal ich kaum etwas mit ihm machen könnte, ohne Eselskarren und ohne Notwendigkeit, Dinge durch die Gegend zu transportieren, Milchkannen oder Holz auf steilen Bergpfaden und über Pässe und durch Schluchten zu befördern, eine Pumpe anzutreiben oder Getreide zu dreschen – nicht einmal reiten könnte ich den Esel ohne Kenntnisse und ohne Sattel und Zaumzeug und auch ohne Ziel, so dass er wirklich nur auf der Weide stehen und fressen und hin und her gehen und dann vielleicht auch ein wenig galoppieren oder springen könnte, damit ich ihn vom Fenster aus sehe und mich an seinem schweren Kopf mit den großen Ohren und den blanken dunklen Augen erfreue, in langen Stunden, am Schreibtisch, wenn ich vom Computer aufsehe, ohne wirklich zu sehen, weil ich das Draußen kaum brauche, um das Drinnen sichtbar werden zu lassen

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