Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Sieh uns zu, wie wir schweben

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Wenn wir zuwandern, fangen wir an in Konzerte zu gehen.
Wie Flüchtlinge, die es an einen unbekannten Ort verschlagen hat,
folgen wir dem Dirigenten durch das Klanggestöber,
bis die Klaviertasten an die verstimmten Herzen klopfen.
Wir folgen dem Führer, dem Rattenfänger, der ein Rudel
Besucher nachschleppt, durch Kirchen, Paläste,
an den Statuen von Generälen vorüber, denen die Tauben
die Augenbrauen richten. Bronzene Reiter juckt es unter den Fußsohlen,
wenn fremde Akzente sie umdrängen. Wir Zugewanderten folgen
den Brosamen der Willkommensgrüße bis an den Stammtisch
der Einheimischen. Man bewirtet uns mit Jahreszahlen an
Hausfassaden, mit dem Flüstern von Sakristeien, mit Bruchstücken
einer Festungsmauer, besprengt mit Salz wie Brezeln am Schanktisch,
sodass wir trunken von fremder Geschichte nach Hause zurückkehren.

Übersetzung: Klaus D. Olof

(aus dem Gedichtband „Was sind wir, wenn wir sind“, Beletrina Verlag, Ljubljana 2015)

aus: Podium-Lyrikflugblatt 2017, mit Beiträgen von 23 Dichterinnen und Dichtern zum Thema "Flucht. Grenzen". Redaktion: Monika Vasik

Seit 1973 erscheint jährlich zum "Tag der Lyrik" Anfang März ein Leporello mit Gedichten, herausgegeben vom Literaturkreis Podium. Die Flugblätter liegen als niederschwelliges Lyrikangebot in zahlreichen Kulturinstitutionen Österreichs zur freien Entnahme auf und werden gratis auch an interessierte Schulen zur Verwendung im Deutschunterricht abgegeben. www.podiumliteratur.at

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