Text des Tages

Unschuld...

...meines Fleisches, das die KI der Spitzenmedizin

„durchwacht“, nächtens, da ich im Glühlicht

der Geräte, und wohl mit ihnen, die gutartigen Knöllchen an den

Gelenken meiner immer steiferen, rot-dunkleren Finger

ahne, die in den schwarzen Faltenlandschaften der

blütenweißen Decke verborgen lagern. Feuchte Mundgrube im

Dunkel, feuchtes Auge alleine darüber, alt (bald 108...).

Meine Enkelin erscheint, zwei meiner Urenkel auch,

in Person, zwei per Skype.

Ganz schön voll.

Einer der altlinken Pfleger kommt auch rein.

Ich habe kein „realistisches“ Verständnis mehr

dieser Sachen.

Ich komme in riesige Bereiche der Cloud nicht mehr hinein.

Ich weiß, man hat mir schon viel access gestrichen,

und Erinn’rung an früheren access,

nach MP-OLV, oder nach ND-OL/ACHT.

So machen die’s.

Die Urenkel werfen vor der Heizung ihre Köpfe hin-

und her, tanzen mit durchgestreckten

flachen Fingern

„als Grabbeigabe“. Zusätzlich

             1. ein leeres Vogelnest voller Flöhe in einer trockenen

Pappschachtel

            2. unter einem, sagen wir, fliegenden Dach über einem

reißenden kalten Bach, am Giebel: drei, vier Vogelnester

             3. die Google Home Box („Ei“), in deren Internet, von keiner

„Ok, Google“-Frage geweckt, eine 250 Namen

umfassende Liste derjenigen Unschuldigen

Top-Verantwortlichen der Finanzkrise 2007ff. verborgen ist,

die anzuklagen der Staat sich weigerte;

und die der Internationale Strafgerichtshof (IStGH)

nicht anklagte, nachdem er seine

Satzung nicht geändert, um die Kategorie schwere

Wirtschaftsstraftaten erweitert hatte.

Inklusive meines.

„Alle Pfleger sind zu ersetzen durch Roboter“.

„Alle Richter sind zu ersetzen durch Roboter“.

„Alle Lehrer sind zu ersetzen durch Roboter“.

„Alle Krieger sind zu ersetzen durch Roboter“,

sag’ ich zum auf die smarte Heizung gemalten

Gesicht meiner Enkelin.

Mein Fleisch dämmert.

 

[Auszug aus: Geber Quartett, unveröffentlicht]

Veranstaltungshinweis

KOOK.MONO. schrift spricht
12 Autor*innen, 12 Stücke, 3 Abende: KOOK.MONO schafft neue, performative Formate für literarische Texte. KOOK.MONO findet statt vom 24. bis 26.9. in der Lettrétage, dem ausland berlin und dem DOCK 11.

In der deutschsprachigen Literatur äußert sich derzeit ein neues Bewusstsein für Schreibweisen, die Aspekte des Sprechens sowie des Szenischen fokussieren. Gleichzeitig finden Texte in der Performancekunst eine größere Beachtung. KOOK.MONO. schrift spricht möchte dieser Beschäftigung mit den Dimensionen des Mündlichen und der Darstellbarkeit von literarischen Texten, im Besonderen Langgedichten, Raum geben, sie reflektieren und vertiefen. Lyriker*innen und Künstler*innen verschiedener Generationen und Hintergründe sind eingeladen, Texte und Performances zu entwickeln und zu zeigen, die mit der Oralität lyrischer Formen für die Gegenwart neu umgehen. Bei den anschließenden Paneldiskussionen werden Fragen zur Form, Entstehung und Ausgestaltung der Gedichte/Stücke, zu ästhetischen Positionen sowie zu den gewählten Themen miteinander wie mit dem Publikum ins Gespräch gebracht.

Am 24.9. präsentieren Daniel Falb, Enis Maci, Anja Utler und Sonja vom Brocke ihre Arbeiten. Moderation: Peer Trilcke. Lettrétage, Methfesselstraße 23-25 in 10965 Berlin.
 

 

 

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