Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Selbstporträt mit 28

Ich weiß, es ist ein schlechter Titel,
aber an einem vom Sonnenlicht fast widerrufenen Tag
mach ich mir ihn zum Geschenk.
Denn mir gegenüber steht eine komplette Anhöhe
wie im Katalog, die Verkörperung des Ideals von Virginia
mit Goldruten und heimischen Kiefern,
und während ich denke: »Immerhin bin ich nicht
mit einem blutverschmierten Messer in der Hand erwacht.«
bin ich bis zum Zeitpunkt dieses Gedankens irgendwie
hundert Meter vom Haus weg gewandert,
obwohl ich in diesem Stuhl saß,
die Augen geschlossen.

Es ist eine besondere Anhöhe,
die ich mir vorstelle, wenn ich das Wort Anhöhe höre.
Und wenn unsere acht Milliarden Köpfe gleichzeitig kollabieren
und sich die Apokalypse als ein globaler Nervenzusammenbruch erweist,
nenn ich das ein unerwartetes Ende,
und diese Anhöhe wäre nach wie vor schön,
ein Ort, an dem ich sterben könnte,
allein oder mit dir.

Ich möchte auf etwas hinaus
und mich verständlich für dich ausdrücken,
so dass wir beide in dieser Aufrichtigkeit Trost finden.

Weißt du, mein Schreibtisch steht vor dem Fenster.
Wenn ich nicht weiterkomme, schau ich hinaus,
obwohl mich das Draußen selten zum Schreiben anregt.
Keine Ahnung, wieso ich weiterhin hinschaue.

In meiner Kindheit ist auch kein gutes Material entstanden,
überwiegend ein spröder Belag weißer Minuten
mit ein paar hervorstechenden Augenblicken:
Teerblasen, die im Sommer in der Einfahrt zerplatzten,
das gewisse Maß an Überheblichkeit,
wenn wir in der Schule die Sonne unsere Sonne nannten
und dass es beim Fußball einzig und allein darum ging,
den Ball aufs Tor zu kloppen.

Sollte jemand auf weitere Fakten bestehen:
Ich kann mich an alte Radiowecker erinnern,
an das Umklappen der Ziffernplättchen
und an ein Gericht, das Surf ’n’Turf hieß.

Jede Nacht stell ich den Wecker
auf die Uhrzeit meiner Geburt. Das ist eine Möglichkeit,
mich mit meinen Ursprüngen zu verbinden.
So wird das Erwachen zu einem Nachspiel historischer Ereignisse

und das Erste, was ich meist tue,
ist eine Lesart des Tags vorzunehmen
und mich ihr gemäß zu verhalten,
wie wenn du einen mechanischen Bullen reitest
und blitzschnell seine Bewegungsmuster erfassen musst,
um nicht versehentlich doch zu widerstehen.

2.
Ich kann mich an meine Geburt nicht erinnern
und auch kein anderer kann es,
nicht einmal der Arzt,
den ich Jahre später auf einer Cocktailparty traf.

Das ist eine der kleinen Enttäuschungen,
die dich fast überzeugen, fort zu gehen,
in eine Stadt wie Holly Springs oder Coral Gables zu ziehen
und dort ein Zimmer zu mieten,
das von einer Dame vermietet wird,
deren Hände von Desinfektionsmitteln Risse haben.
Den Leuten, denen du begegnest, sagst du,
du seiest aus Alaska und hörst zu,
was sie daraufhin von Alaska erzählen,
bis du mehr über Alaska weißt, als du jemals
über Holly Springs oder Coral Gables wissen wirst.

In manchen Käffern kaufe ich
eine Lokalzeitung und denke:
»Ich bin nah dran zu erfahren, wie es ist, hier zu leben.«
Es gibt häufig Pressemeldungen über Rechtsstreitigkeiten
von Hauseigentümern, die in der Nähe eines Flughafens leben
und mir fällt auf, dass ich Artikel über dieses Thema
jedes Jahr lese und mir dabei immer dasselbe vorstelle:

In der Nacht liege ich wach im Bett.
In meinem Haus in der Nähe des Flughafens.
Ich höre die Maschinen über mir dröhnen.
Eine fremde Ehefrau schläft an meiner Seite.
Das Schlafzimmer ist in meiner Vorstellung
eine Verschachtelung von Schlafzimmern
aus verschiedenen Werbespots für Hustensaft (auf dem Nachttischchen
liegt immer eine Packung Papiertaschentücher parat).

Ich weiß, diese sich wiederholenden Nachrichten sind Indizien,
Schwachstellen in der Konstruktion. Dennoch habe ich
bislang nicht herausbekommen, wie sie zusammen passen.
Aber immerhin krieg ich es mit, dass dieselben Leute
immer und immer wieder sterben,

wie beispielsweise Minnie Pearl,
die dieses Jahr starb,
zum vierten Mal in vier Jahren.

3.
Heute hat die Fastenzeit begonnen
und wieder mal ist mir nicht klar, was genau das ist.
Wie viele Jahre werde ich noch verstreichen lassen,
bis ich mir die Mühe mache und jemanden frage?

Das erinnert mich daran, wie du dich heute Morgen
für die Arbeit fertig machtest.
Ich saß benommen am Heizgerät,
schaute zu, wie du dich anzogst
und als du mich fragtest, warum ich nie einen Morgenrock trüge,
hatte ich so viele gute Gründe,
dass ich nicht wusste, mit welchem ich anfangen sollte.

Als du in der High School zu den Coolen gehörtest,
hast du nicht viele Fragen gestellt.
Du konntest anhand der neuen Shirts sagen,
wer letzte Nacht auf dem Metalkonzert gewesen war.
Du musstest nicht nachfragen
und das war das, was cool war:
schlussfolgern zu können,
es zu wissen, ohne fragen zu müssen.
Und der Druck, Coolsein vorzutäuschen,
bedeutet: dass du nicht fragen darfst, wenn du etwas nicht weißt,
weshalb heutzutage die Kids immer dämlicher werden.

Die letzten Seiten im Jahrbuch, gefüllt mit Versprechen,
einander nie zu vergessen, beweisen die Nutzlosigkeit
jugendlicher Versprechen. Nicht dass ich jetzt, zehn Jahre später,
für einen Brief des Klassenkiffers sterben würde
aber …

Erinnerst du dich, wie die Mädels
hab dich lieb riefen
und praktischerweise das ich wegließen,
so, als ob sie sich an ihre eigene Aussage
nicht binden lassen wollten.

Ich stimme zu: das ich ist ein ganz schön wuchtiges Konzept
und ich hoffe, dir wird nicht unbehaglich zumute,
sollte ich hier in irgendwelche Abgründe geraten.

4.
Es gibt Dinge, die hab ich sein lassen,
zum Beispiel lustige Sprüche auf den AB quatschen.
Das gehört wohl zum Erwachsenwerden dazu.
Die Menschheit ist immer
an denselben Vorgaben gereift.
Und Humor scheint von allen Dingen am schnellsten zu veralten.
Wenn du über Shakespeares Witze laut lachst,
– und ich hoffe, du bist nicht beleidigt, wenn ich das sage –
willst du gewiss nur jemanden beeindrucken.
Selbst die genialsten Fernsehsendungen von früher
wirken heute unspektakulär und billig.

Unsere Fortschritte sind eben unabwendbar.
Kleine Kinder können nicht mal mehr Limo am Straßenrand verkaufen,
da es die Leute an ihre Vergangenheit erinnert,
aber versuch das mal einem Kind zu erklären.

Ich sage nicht, so soll es sein.

All die neuen Technologien
werden uns eines Tages zu neuen Gefühlen verhelfen,
die die alten niemals komplett ersetzen.
Wir werden uns aufgekratzt fühlen
und zwiegespalten.

Wir werden zum Mars reisen,
selbst wenn die Menschen auf der Erde noch
ihre Chipspackungen mit den Zähnen aufreißen.

Warum? Ich habe weder die Zeit noch die Intelligenz,
auf alle Zusammenhänge zu kommen,
wie das bei meinem Kumpel Gordon, aufgewachsen
in Braintree/Massachusetts, der Fall ist (eine wahre Geschichte).
Ihm kam nie ein Baum mit knorrigem Hirn in den Sinn.
Bis er von mir auf die Idee gebracht wurde.
Er hat den Namen nie auf dessen Teile heruntergebrochen.
Es war dann eh zu spät.
Inzwischen war er nach Coral Gables gezogen.

5.
Die Anhöhe vor meinem Fenster ist immer noch schön.
Überzogen mit einer Art goldenem Nationalparklicht,
scheint sie zu mir zu sprechen:
es tut mir leid, die Welt braucht kein
weiteres Gedicht über Orpheus,
aber wenn du nicht gerade an einem Selbstporträt oder
sonst was arbeitest, stehe ich zu deiner Verfügung.

Ich schaue auf meinen Hund, der Alpträume hat
und auf dem Boden winselt und zuckt
und versuche mir vorzustellen, was für eine Bestie
ihn in die Enge treibt, auf der Wiese,
wo sich seine Träume abspielen.

Ich lass den Tag sein, was er ist:
ein Ort für haufenweise Zeug
zum Aufnehmen und Wirken –
nicht wirklich ein Ort aber ein Anlass,
eine Realität für reales Zeug.

Freunde haben mich gewarnt, mit diesem Stück hier
nicht zu religiös oder psychedelisch zu werden:
»Sie werden es nicht akzeptieren, wenn es zu religiös
oder psychedelisch wird.« Doch sind das zulässige Themen,
und ich bin derjenige mit dem zuckenden Hund auf dem Boden,
der vielleicht von mir träumt,
genau genommen, von jenem Teil von mir, der einen Hund
ohne triftigen Grund schlagen würde, aus keinem Grund jedenfalls,
den ein Hund verstehen könnte.

Ich versuche, auf etwas so Einfaches zu kommen,
dass ich mich verständlich ausdrücken muss,
damit die Worte es nicht entstellen.
Und wenn sich herausstellt, dass das, was ich sage, nicht wahr ist,
dann lass es so harmlos sein
wie ein leckes Boot im Schilf,
das niemanden stört.

6.
Ich kann der Genauigkeit meiner eigenen Erinnerungen nicht trauen,
viele sind vermengt mit sentimentaler Telefonwerbung
oder mit Werbespots für Margarine,
die Madison Avenue komplett verhunzte,
obwohl schon lang keiner mehr die Werbewelt
als Madison Avenue zu bezeichnen scheint. (Hat sich da was geändert?
Ich muss mich mal auf den neuesten Stand bringen.)

Doch vorerst gibt es noch ein paar Angelegenheiten, um die
ich mich kümmern muss.
Ich ging hinaus zur Anhöhe hinter dem Haus,
die heute wirklich was von Alaska hat,
und es wäre wesentlich einfacher, dir das zu erklären,
wenn ich ein Foto der Anhöhe hier hätte.
Jedenfalls war ich mit unserem jungen Hund unterwegs,
er rannte durchs hohe Gras,
als ob in diesem Rennen durchs hohe Gras
alles Leben enthalten wäre,
bis er eine Bierdose findet oder ein Vogel ruft
und ihm das voll den Schädel füllt.

Weißt du,
sein Kopf kann immer nur einen Gedanken fassen
und wenn er endlich mitkriegt, dass ich ihn rufe,
schaut er auf und legt seinen Kopf schief.
Für einen Augenblick
ist meine Stimme absolut alles:

Selbstporträt mit 28.

 

[übersetzt aus dem Amerikanischen von Daniel Schmidt]
Erschienen in: Daniel Schmidt, Eigentlich Luft/Eigentliche Luft, Nach David Berman, hochroth Leipzig 2019

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