Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Auch die Steine sterben, das hat uns keiner gesagt, Papa

ich bin Ödipus, Papa
Ödipus, dein Fohlen
öffne die Tür
erlaube mir, über diese Schwelle zu springen
unter meinen Füßen der Staub und die Dornen eines langen Wegs
ich bin der Erdenbrand, der Brautstrauß
erlaube mir, über diese Schwelle zu springen
die Füße ins kalte Wasser zu stellen
verrate mir
wie viele Räume hat deine Stimme, Papa
wie viele Räume

erlaube mir, diesen Ehrgeiz abzulegen
lass mich ruhen in einer Wölbung deiner Stimme
wäre nie reif geworden
hätte ich diesen Vers von Achmatova nicht gelesen
du bist mein Sohn, du bist mein Untergang
hätte nie verstanden, diese Abzweige des Wegs
hätte nie gewusst, dass Verstehen eine Kletterpflanze ist
die dich bei jedem Schritt umschlingt

deshalb vielleicht bin ich allen fremd, die von ihrer Heimat reden
deshalb saß ich immer auf der kalten Stelle der Schwelle
deshalb bleibe ich die Beute
des Wildes, des scharfen Zahns

ich bin Ödipus, Papa, Ödipus
dein Fohlen, dein Untergang
mit einem Hasenkadaver im Mund habe ich auf deinen Tod gewartet

an einem Morgen um 3 Uhr
wurde die Welt zu eng
und gebar mich selbst
habe meine glühende Nabelschnur
mit deinem grauen Brusthaar durchschnitten
und schlief auf deinen zappelnden Füßen ein
ich bin noch 5
auf deinem Nacken mein warmer Atem
ich bin 40
auf meinem Nacken der warme Atem meines Sohnes

jetzt verrate mir bitte
wie viele Räume hat deine Stimme, Papa
wie viele Räume

 

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