Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

der Junge im Blaumann

die Kälte der Bahnhöfe: die verrostete Schere
die glimmende Zigarette: die rebellierende Heftnaht
die tagträumenden Wagons: die hinterlassene Nabelschnur
hier beginnt die Erkundung einer neuen Sprache
hier enthäutet sich das gezupfte Gedicht einer Taube …

mit durchgestrichenen Gesichtern komm komm durch das große Tor
zweiundachtzig Flügelschläge komm komm bis zur Stempeluhr
und nochmal dreiundzwanzig komm komm durch taube Hallen
dann der letzte Kurzflug komm komm durch den eisernen Flur

der Staplerfahrer kommt von der Dusche, sagt leise “morgen“
öffnet seinen Spind, entsperrte Brüste und Mösen lächeln ihn an
das enge Tuch fällt, die Nachtschicht liegt nun auf dem Boden
sein hängender Rüssel hustet die verstaute Lust hängt am Kran

komm Vogel! ruft 10 vor 6 die Uhr, hüpfe in das blaue Gefieder
verhülle das Zerbrechliche, dieser Himmel lehrt dich neue Winde
geh an die Drehbank 630, beflügele die Späne, singe deine Lieder
dieser Himmel lehrt dich die Zukunft, Junge! suche und finde!

über blütenreiche Zäune komm komm über den wilden Hintergarten
vierzehn Akademiejahre komm komm Brutstätte unter Metallflocken
tilge die Schulden komm komm in allen Nestern verschwiegene Raten
die feuchte Unterhose sollst du komm komm in tiefen Lüften trocknen

die Fluchtjahre im festen Stamm: die schwere Axt
die mit Gräten verwobenen Gewebe: der geschwängerte Riss
das überschwemmte Elternhaus: die wildfruchtduftende Fremde
hier beginnt das Wandern der alten Sprache
hier endet der gurrende Schatten einer Taube …

Aus dem Gedichtband “Aus Glut geschnitzt“,  ELIF VERLAG 2017

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