Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Lass uns gehen, Ali

das gebügelte Hemd, die ranzige Angst, das schützende Naphthalin, lass alles hier
nimm unser Lied, unsere Lippen, unsere Nacht und die Stoff-Giraffe
lass uns gehen, Ali, lass uns den Flamingos folgen, mit Nachtfaltern übernachten
die Brise schultern, mit Eidechsen tanzen, in Flüssen baden
lass uns einen Esel klauen, die Huren besuchen, mit Huren weinen, mit Cowboys schlafen
wenn wir sterben sollten, soll keiner trauern, lass uns deshalb keine Spuren hinterlassen
lass uns gehen, Ali. der wütenden Erektion dieser Welt einen Kuchen backen
Ali, wir sind die Bastarde der Schahmaran
die Sünde baut in unserem Traum ihr Haus

im Schlitz von zwei Bergen hat man Ali mit einer Kugel in der Brust gefunden
in einer Hand den Abschiedsbrief des Geliebten in der anderen ein marmoriertes
Blutmuster, sentimentale Lieder hat er gemocht, auf den Wunschkonzerten
war er die Nachtigall der Sonnenaufgänge, in tauben Nächten hat er sich sogar geschminkt
die Tränen waren seine Wimperntusche, mit Zähnen hat er in das eigene Lippenfleisch gebissen
rot war sein Mund wie Erdbeeren, der blumige Schmerz war sein Abendhemd
die Mutter, die er nie zu vergessen wagte, hatte er wegen des Geliebten vergessen
seinetwegen trank er Liebesgedichte unter schweren Decken
seinetwegen hat er die Zähne geputzt und die Schamhaare rasiert

Ali, wir wissen, jeder Brunnen birgt Geheimnisse verstoßener Kinder
jede Mauer birgt eine weinende Blüte, jedes Gedicht ein neues Gemetzel
jede Schleuder den Blick eines Flügellosen. lass uns gehen, Ali, bevor der Tag anbricht
lass uns eine Schande über die Welt bringen, unsere Unterhosen ins Feuer werfen
die Meere ins Feuer schütten, den Himmel ins Feuer kippen
wenn wir sterben, darf diese Erde nicht fetter werden
lass uns gehen, Ali. lass uns auf die Reifen dieser bestochenen Ordnung scheißen
Ali, wir sind die dunklen Brüder des Ödipus
die Sünde baut in unserem Traum ihr Haus

im Schlitz von zwei Welten blieb sein Herz seine Religion
und ein Bad in Schneeflocken bedeutete sündenfreie Vereinigung
die kochende Milch im Brustkorb hat er mit eigener Zunge gerührt und nie um einen
                                                                                                                                        Löffel gebeten
im eigenen Schatten hat er die Sonne angezündet
in einer Hand hielt er den Abschiedsbrief von wollüstigen Nächten von süßen Träumen, vom Vanillegeruch der Manneshaut auf allen Wunschkonzerten sind die Lieder nun noch tiefer, zerbrechlicher und märchenfremder denn je

auf diesen Bergen, Ali, auf diesen Bergen hängt die Wäsche von jungen Männern
die Tränen, die Sehnsüchte, alle körperlos. du weißt, Soldaten dürfen keine Gesichter tragen.
du weißt, der Heldentod gilt nur der Uniform, das Gefühlte können nur die Ameisen
und die Raubvögel empfinden. nur die Ameisen und die Raubvögel werden um dich trauern
der Wind wird deinen Geruch sammeln, der Wind wird durch alle Betten in der Kaserne wehen
die Hinterbliebenen werden mit deinem Geruch ein Gesicht bekommen, nur für eine Nacht
sie werden am nächsten Morgen errötet die Körper waschen und die Welt nicht verstehen
lass uns gehen, Ali. lass uns von einer Nelke verführt werden
Ali, wir sind Handschrift eines verlorenen Dichters
die Sünde baut in unserem Traum ihr Haus.

zwischen seinen Wimpern hat der Zug des Lebens Dampf gelassen eine verlorene Sicht
vor dem Nelkentanz. Ali, die Nachtigall der Sonnenaufgänge, ist gegen die Rose geflogen
und mit einem Dorn im Herzenz liegt er jetzt zwischen zwei Bergen stumm, ein ironisches Lächeln
im Gesicht schwankt zwischen Lila und Blau, die Tusche auf seinen Wimpern ist nicht verronnen
der rote Mund will Dünger spenden dem kahlen Boden als der Wind ihn in der Leichenhülle aus
                                                                                                                                                                 Mensch fand
suchte der Staat die verlorene Kugel. als ihm die Hoffnung aus dem Leib brach
war es kurz vor Sonnenuntergang

das Lied von Ali und Dinçer

diese Welt, Liebster, ist nur ein Versteck
diese Welt ist das Schweigen der Erde
diese Welt ist das Brennen des Wassers
diese Welt ist das Verdunsten des Feuers

lass uns die Feder eines Pfaus ins Fleisch stecken
die Lippen mit Erdbeeren tränken
unser Lächeln toupieren
die Brust rasieren
auf den rosa Esel steigen
lass uns gehen, lass uns gehen …

 

ULF - Unabhängige Lesereihen Festival

HAFENLESUNG
Sonntag, 16.00 – 17.30 Uhr | Roter Salon
Multilingual reading series of Hamburg

Hafenlesung is the only independent multilingual reading series of Hamburg. It is a platform for representation and resistance of coexisting cultural variety through literature. It brings together both poetry and prose, and joins well-known with yet to be discovered writers. Every installment features contemporary literature in at least four languages. If not available, new translations into German are commissioned, bringing together authors and translators.

Lesung auf Deutsch, Türkisch, Englisch, Ungarisch u.a.
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Autor*innen: Lubi Barre, Tomás Cohen, Franziska Füchsl, Dinçer Güçyeter, Jeremy Allan Hawkins, Orsolya Kalász

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Das Festival findet statt im Z-Bau in Nürnberg:
Frankenstrasse 200
90461 Nürnberg

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